Daniel Barenboim dirigiert Smetanas »Má Vlast«

Daniel Barenboim dirigiert Smetanas »Má Vlast«

Berliner Philharmoniker
Daniel Barenboim

  • Bedřich Smetana
    Má Vlast (Mein Vaterland)

  • Interview
    ca. 15 Min. vor dem Konzert: Daniel Barenboim im Gespräch

Mit Bedřich Smetanas Má Vlast (Mein Vaterland) erklingt in diesen Konzerten ein Meisterwerk der tschechischen Romantik. Der innerhalb von fünf Jahren entstandene Zyklus aus sechs Symphonischen Dichtungen wird selten komplett aufgeführt, meist hört man mit der Moldau nur den bekanntesten Teil. Inhaltlich beschäftigt sich Smetana neben der Landschaft auch mit den Mythen seiner tschechischen Heimat. Man darf gespannt sein, wie Daniel Barenboim, der den Berliner Philharmonikern seit nunmehr 51 Jahren dirigierend verbunden ist, den gesamten Zyklus interpretiert.

Ein böhmisches Herz

Es war nicht nur ein Affront gegen Bedřich Smetana. Nein, der Wiener Dirigent Johann Herbeck legte seinen Finger mit herablassender Provokation in die brennende Wunde eines ganzen Volkes. Die Begegnung ereignete sich 1857 auf der Weimarer Altenburg im Beisein des Gastgebers Franz Liszt, der Smetana freundschaftlich verbunden war. Als die Frage aufkam, was die einzelnen Nationen Großes in der Musik geleistet hätten, urteilte Herbeck: »Die Böhmen gar nichts«, denn, so meinte er, »die bringen nur Fiedler hervor und fahrende Musikanten. Kein einziges Werk habt ihr, das so vom tschechischen Geist beseelt wäre, dass es deswegen eine Bereicherung der europäischen Musikliteratur sein könnte.« Sofort sprang Liszt seinem Freund zur Seite, spielte auf dem Klavier Smetanas Charakterstücke op. 1 und rief: »Hier haben Sie den Komponisten mit dem echt böhmischen Herzen.«

Wenngleich Smetana in seinem Nationalstolz gekränkt war, musste er im Stillen doch zugeben, dass Herbeck nicht völlig Unrecht hatte. Die Kultur der Tschechen war innerhalb von zwei Jahrhunderten unter andauernder Fremdherrschaft nahezu völlig verdrängt worden – Smetana selbst sprach besser Deutsch als Tschechisch, da letzteres im österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaat als Dialekt der Unterprivilegierten verpönt war. Der schwelende Wunsch nach Identität verdichtete sich für Smetana nach diesem Vorfall zur lebensbestimmenden Herzensangelegenheit: Er musste seinem Volk eine musikalische Stimme geben. Das Vorhaben gelang. Mit seinem zwischen 1872 und 1879 komponierten Zyklus Má vlast (Mein Vaterland) erreichte Smetana nicht nur einen Gipfelpunkt seines Komponistenlebens, sondern schuf auch eine unvergleichliche Huldigung an die Natur, Geschichte und Mythen der Tschechen.

Ein musikalisches Nationalheiligtum

Das erste der sechs »symphonischen Gedichte« Vyšehrad, benannt nach dem Prager Königsburgfelsen, beginnt mit einem prächtigen Harfensolo. Es verkörpert den Gesang eines Barden, der Smetana als Erzählerinstanz für sein musikalisches Epos vorschwebte. Der Erinnerung an Glanz und Niedergang der altböhmischen Herrscher folgt mit der heute so berühmten Moldau ein gegenwärtig-zeitloses Naturgemälde von mitreißender Klangdramaturgie. Šárka führt in die Welt der Volksmythen. Die gleichnamige, über die Untreue ihres Geliebten erzürnte Amazone rächt sich blutig am männlichen Geschlecht – Smetanas Vertonung übersetzt die Ereignisse geradezu minutiös bis hin zum finalen Gemetzel. Versöhnlich klingt anschließend Aus Böhmens Hain und Flur, wo idyllische Naturschönheit auf die Ausgelassenheit des Volkstanzes trifft. Tábor setzt dann den hussitischen Glaubenskämpfern ein Denkmal, mit dem Choral »Die ihr Gottes Streiter seid« als klingendem Kriegsmahnmal. Derselbe Choral erklingt – zum visionären Siegeshymnus umgeformt – im abschließenden Blaník, das die Rettung Böhmens durch den Heiligen Wenzel beschwört.

Smetana selbst sollte den Zyklus niemals hören, er war 1874 innerhalb kürzester Zeit ertaubt. Ein enormer Schicksalsschlag für den Komponisten, »nur der Gedanke an meine Familie und das Bewusstsein, weiter für mein Volk und Vaterland arbeiten zu müssen, hielt mich am Leben«, gestand er. Das kraftvolle Pochen seines »böhmischen Herzens« war für Smetana überlebenswichtig – dass es ganz am Puls der Zeit schlug, zeigt der überragende Erfolg von Mein Vaterland, das bis heute als musikalisches Nationalheiligtum gilt.

Susanne Ziese

In der Musikwelt unserer Zeit nimmt Daniel Barenboim eine einzigartige Stellung ein. Als Dirigent wie als Pianist beherrscht er ein weitgespanntes Repertoire, das von den Werken Bachs bis in die Musik der Gegenwart reicht. In seiner künstlerischen Arbeit verbinden sich Intellekt und Leidenschaft auf glückliche Weise, seine Interpretationen bestechen durch Klangschönheit und weiten Atem. Großen Einfluss übt der Künstler auch mit seinem Engagement für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikt aus. Diesem Einsatz ist die Gründung des aus israelischen und arabischen Musikern bestehenden West-Eastern Divan Orchestra ebenso zu verdanken wie die in Berlin ansässige Barenboim-Said-Akademie. Beide Institutionen sind dem Geist eines gemeinsamen Musizierens über politische und nationale Grenzen hinweg verpflichtet. Der in Argentinien und Israel aufgewachsene Daniel Barenboim bekleidete Chefpositionen in Paris und Chicago und übernahm 1992 das Amt des Generalmusikdirektors der Berliner Staatsoper Unter den Linden, deren Staatskapelle ihn im Herbst 2000 zum Chefdirigenten auf Lebenszeit wählte. Barenboim gilt nicht zuletzt als ein führender Interpret der Bühnenwerke Richard Wagners, die er bei den Bayreuther Festspielen in zahlreichen Aufführungen dirigiert hat. Eine ungewöhnlich intensive Zusammenarbeit verbindet ihn auch mit den Berliner Philharmonikern. Sein Einstand als Dirigent jährte sich 2019 bereits zum 50. Mal; aus diesem Anlass wurde er zum Ehrendirigenten des Orchesters ernannt. Aufnahmen von Klavierkonzerten Mozarts und Bruckners Symphonien markieren Höhepunkte der gemeinsamen Diskografie. An die bereits unter Claudio Abbado und Sir Simon Rattle gepflegte Tradition, als Pianist mit philharmonischen Chefdirigenten zu musizieren, knüpfte Barenboim im Januar dieses Jahres an, als er unter der Leitung von Kirill Petrenko Beethovens Drittes Klavierkonzert interpretierte.

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