Jakub Hrůša und Seong-Jin Cho bei den Osterfestspielen Baden-Baden
Mit diesem Konzert nahmen die Berliner Philharmoniker Abschied von ihrer zweiten Heimat: Baden-Baden. Seit 2013 hatte das Orchester jährlich bei den Osterfestspielen des idyllischen Kurorts eine Oper und mehrere Konzerte präsentiert. Im Zentrum des Gastspiels unter der Leitung von Jakub Hrůša stand mit Béla Bartóks Konzert für Orchester ein berühmtes Werk des Abschieds. Artist in Residence Seong-Jin Cho interpretierte dazu Beethovens Fünftes Klavierkonzert.
Béla Bartóks Heimat war Ungarn. Er liebte das Landleben jenseits des Stadtgetöses – und vor allem die Volksmusik. Leidenschaftlich sammelte er Bauernlieder, publizierte sie und ließ sie in seine eigene Tonsprache einfließen. Doch nachdem sich Ungarns Regierung mit Hitler-Deutschland verbündet hatte, sah sich Bartók 1940 gezwungen, zu emigrieren: »Weg von hier, aus der Nachbarschaft des verpesteten Landes, wo Wotan und seine irdischen Statthalter herrschen.«
New York wurde keine neue Heimat für den lärmempfindlichen Bartók – nicht einmal beruflich: Der in Ungarn verehrte Komponist bekam bei den amerikanischen Orchestern keinen Fuß in die Tür. Sozial isoliert und weitgehend mittellos erkrankte er zu allem Überfluss an Leukämie. 1943 dann ein unerwarteter Lichtblick: Der Dirigent Serge Koussewitzky besuchte den Todkranken im Sanatorium und beauftragte ihn mit einem Orchesterwerk. Wider Erwarten verbesserte sich Bartóks Zustand und es gelang ihm, innerhalb von zwei Monaten das Konzert für Orchester zu schreiben – ein Opus summum, in dem sich alle Facetten seiner Kunst verbinden: die ungarischen Metren, die Harmonien der balkanischen Folklore, festliche Choräle und kapriziöse Soli, derber Humor und das nostalgische Schimmern der Elegia. Konzert für Orchester – der Einzelne als Teil des Ganzen, gleichsam eine klingende Demokratie. Es mag Bartóks letzter Wunsch an Europa und seine verlorene Heimat gewesen sein.
»Béla Bartóks Muttersprache war Beethoven«, äußerte einmal György Ligeti. Was Bartók mit dem Bonner fraglos verband, war ihre humanistische Gesinnung. Unter dem Einmarsch Napoleons in Wien 1809 komponierte Ludwig van Beethoven sein Fünftes Klavierkonzert. Dass man ihm den Beinamen Emperor verlieh, ist angesichts des prachtvoll-heroischen Klangbildes nachvollziehbar. Es war jedoch mitnichten Beethovens einstiger Held Napoleon, der hier verherrlicht wurde – im Gegenteil, der Komponist sann auf Rache: »Östreich löhne Napoleon«, notierte er neben dem ersten Klaviereinsatz des »dämmernden« Adagios. Der Solopart – hier in der Interpretation des Starpianisten Seong-Jin Cho – ist die Stimme, die Beethoven zur Verteidigung seiner Heimat und seiner Ideale erhob.
Die Musik Leoš Janáčeks ist für Jakub Hrůša wie »Muttermilch« – die Stadt Brno ist beider Heimat. Das letzte Konzert der Berliner Philharmoniker bei den Osterfestspielen Baden-Baden leitete der Dirigent mit einer Suite aus der vergessenen Oper Schicksal ein. Die Musik sei, so Hrůša, »ungemein originell und inspiriert« – besonders von der mährischen Volksmusik.
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