Myung-Whun Chung dirigiert Brahms, Chin und Weber

Sa, 10. Mai 2014

Berliner Philharmoniker
Myung-Whun Chung

Alban Gerhardt

  • Carl Maria von Weber
    Der Freischütz op. 77: Ouvertüre (00:11:55)

  • Unsuk Chin
    Konzert für Violoncello und Orchester (00:30:05)

    Alban Gerhardt Violoncello

  • Johannes Brahms
    Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73 (00:45:53)

  • kostenlos

    Unsuk Chin im Gespräch mit Helge Grünewald (00:14:47)

Myung-Whun Chung wurde als das jüngste von sieben Kindern in eine hochmusikalische Familie hineingeboren. Schon im Alter von sieben Jahren gab er Konzerte mit dem Philharmonischen Orchester Seoul – mit jenem Klangkörper, dessen musikalische Leitung er 53 Jahre später übernahm. Seit dem Jahr 2000 ist Chung Leiter des Orchestre Philharmonique de Radio France. Mit Beginn der Spielzeit 2012/2013 übernahm er die Position des Ersten Gastdirigenten der Sächsischen Staatskapelle in Dresden.

Sein aktuelles Programm eröffnet Chung mit Carl Maria von Webers Freischütz-Ouvertüre, die wie kaum ein anderes Werk auf engstem Raum Stimmungen und Themen der Romantik durchläuft: Waldidyll, Geisterspuk, Liebe und innere Zerrissenheit. Auch Johannes Brahms’ Zweite Symphonie gilt als berühmte romantische Landschaftsmalerei, seit ein Zeitgenosse äußerte, hier sei alles »blauer Himmel, Quellenrieseln, Sonnenschein und kühler grüner Schatten«. Brahms selbst allerdings sah sein Werk anders – nämlich »melancholisch, daß Sie es nicht aushalten.«

Das Cellokonzert der in Berlin lebenden koreanischen Komponistin Unsuk Chin ist zwar ein Werk der Gegenwart, aber auch hier klingt die Musik der Romantik durch: in der Empfindsamkeit des Ausdrucks wie auch in der geradezu grenzwertigen Virtuosität des Soloparts. Am Cello ist Alban Gerhardt zu hören, der schon 2009 an der Uraufführung des Konzerts in London mitwirkte. Der britische Guardian, der das Werk als »gewichtige Bereicherung des Konzertrepertoires« bezeichnete, lobte seinerzeit vor allem Gerhardts Fähigkeit, »die Schwierigkeiten und die schwirrenden, leuchtenden Details der Partitur mit selbstverständlichster Expressivität« umzusetzen.

Liebliche Ungeheuer

Musik von Carl Maria von Weber, Unsuk Chin und Johannes Brahms

Carl Maria von Weber: Freischütz-Ouvertüre

Der Ton macht die Musik – und manchmal macht ein einziger Ton sogar Musikgeschichte: Das »c«, mit dem Carl Maria von Weber seine Ouvertüre zur Romantischen Oper Der Freischütz beginnen lässt, hat die Klangwelt des 19. Jahrhunderts geprägt. Wie hier aus einem schlichten Ton durch ein gewaltiges Crescendo das Unheil in die Welt kommt: So charakterisiert Weber nicht nur den Abgrund, an dessen Rand die Protagonisten dieser Oper ihre Jagdgewehre laden, sondern zeichnet auch die Möglichkeiten des Musikdramas vor, das dann Richard Wagner unter ausdrücklicher Berufung auf Weber entwickeln sollte.

Theodor W. Adorno hat den Freischütz einmal als »exterritoriales Werk« außerhalb der Tradition bezeichnet – als »das erste musikalische Werk großen Stils, das nicht länger in einen prästabilierten Stil fällt«. Oder, in den Worten des Komponisten Dieter Schnebel: Im Freischütz komponierte Weber eine Musik, »in der es jederzeit auch anders weitergehen könnte«. Nichts illustriert das besser als die Ouvertüre: Verdüsterung gleich zu Beginn, Eintrübung idyllischer Waldhornmusik, bedrohlich synkopierte c-Moll-Klänge, eine einsame Klarinette, himmelhoch und »con molta passione« über den tremolierenden Streichern singend, am Ende ein bang hingezupftes »g« der Celli und Bässe, dem eine lange Generalpause und dann ein greller C-Dur-Akkord des gesamten Orchesters folgen …

Diese bei aller Volkstümlichkeit radikale Musik zog das Publikum der Uraufführung im Königlichen Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt 1821 in ihren Bann. Eine Melodie machte gar als Ohrwurm Karriere, sodass Heinrich Heine wahrscheinlich froh über eine separate Aufführung der Ouvertüre gewesen wäre: »Haben Sie noch nicht Maria von Webers ›Freischütz‹ gehört? Nein? Unglücklicher Mann! Aber haben Sie nicht wenigstens aus dieser Oper ›das Lied der Brautjungfern‹ oder ›den Jungfernkranz‹ gehört? Nein? Glücklicher Mann!«

Unsuk Chin: Konzert für Violoncello und Orchester

Nach einer Zeit der kulturellen Blüte war Korea bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein von der Außenwelt abgeschotteter Vasall Chinas. Die Renaissance der koreanischen Kultur und die rasante wirtschaftliche Entwicklung des koreanischen Südens zum »Tigerstaat« blieben dem 20. Jahrhundert vorbehalten. In dieser Zeit sind drei koreanische KomponistInnen international bekannt geworden, wobei alle drei ihre Zelte in Deutschland aufschlugen: Isang Yun (1917–1995) als Pionier sowie seine beiden Kolleginnen, die in zwei für Korea einschneidenden Schicksalsjahren geboren wurden: 1945 Younghi Pagh-Paan (im Jahr der Teilung des Landes) und 1961 Unsuk Chin (im Jahr des südkoreanischen Militärputsches).

Aufgewachsen in einem christlichen Pfarrhaushalt fernab traditioneller koreanischer Musik in Seoul, brachte sich Chin die musikalischen Grundlagen selbst bei, spielte als Kind bei Gottesdiensten und Hochzeitsfeiern und besserte so den kargen Familienhaushalt mit Essen und etwas Geld auf. Zweimal fiel die Autodidaktin bei der Aufnahmeprüfung zum Musikstudium durch. Doch Chin hielt an ihren musikalischen Ambitionen fest, wurde endlich entdeckt und kam schließlich mit einem DAAD-Stipendium 1985 nach Hamburg, um ihre Ausbildung bei György Ligeti abzuschließen. Selbst äußerst eigensinnig, hat Ligeti seine Schülerin offenbar darin bestärkt, sich jeglichen Erwartungen zu entziehen: So lehnte es Chin lange Zeit ab, mit koreanischer Musik in Verbindung gebracht zu werden. Erst in den vergangenen Jahren, als ihre Musik längst in allen Musikzentren der Welt gespielt wurde, näherte sie sich Asien wieder vorsichtig an.

Mit ihrem Cellokonzert setzte Chin vor rund fünf Jahren eine Reihe von Solo-Konzerten fort, die in der Auseinandersetzung mit den klassischen Werken dieser Gattung entstanden sind. »Was mich ungemein inspiriert hat, ist die einzigartige Kunstfertigkeit und die musikalische Meisterschaft des Cellisten Alban Gerhardt. Nicht nur sein Solopart, sondern auch die Orchesterstimmen sind oft von extremer Virtuosität gekennzeichnet, von der Vorstellung, dass die Instrumentalisten bis an ihre Grenzen gedrängt werden.«

In Chins viersätzigem Werk rahmen zwei symphonische Ecksätze ein kurzes, motorisches Scherzo und einen gesanglichen langsamen Satz ein. Sobald die beiden Harfen den Ton »gis« (bzw. »as«) als eine Art Gravitationszentrum exponiert haben, tritt das Solo-Instrument mit weiten melodischen Bögen als »Erzähler« hervor. Die Satzüberschrift Aniri bezieht sich denn auch auf das von einem Sänger und einem Trommelspieler vorgetragene epische Pansori-Theater der koreanischen Tradition. Dem maschinengleich abschnurrenden zweiten Satz folgt eine Art Lied ohne Worte, in dem das klagende Cello unter anderem von zarten Kontrabass-Akkorden begleitet wird – wie so oft in Unsuk Chins Schaffen klingt das vertraut und fremd zugleich. Das Finale stellt die Gegensätze zwischen Solist und Orchester deutlich heraus – »psychologische Kriegsführung« nennt das die Komponistin, die die Musik am Ende wieder da verschwinden lässt, wo sie begonnen hat: in absoluter Stille.

Johannes Brahms: Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 73

Johannes Brahms war stets bestrebt, die Spuren seiner Schöpfungen, seiner Inspiration zu verbergen. Und die Beifallsstürme, die Ende 1877 im Wiener Musikverein nach jedem Satz seiner neuen – der Zweiten – Symphonie aufbrausten nahm er fast unwillig zur Kenntnis. Trotzdem wollte Brahms im Falle dieses Werkes wenigstens Freunden und Kollegen mitteilen, was er da im Sommer 1877 in Pörtschach am Wörthersee in so erstaunlich kurzer Zeit zu Papier gebracht hatte – während die Erste Symphonie über Jahre hinweg entstanden war, hatte die Zweite im Kern nur vier Monate beansprucht. Und so stutzte Brahms sein neues Opus in zahlreichen, meist sarkastischen Briefäußerungen auf ein eilig dahingeworfenes Nebenwerk zurecht und machte sich einen Spaß daraus, die Adressaten in die Irre zu führen. So schrieb er an seinen Verleger Fritz Simrock: »Ich habe noch nie so was Trauriges, Molliges geschrieben: die Partitur muß mit Trauerrand erscheinen« – ein Bild, das Brahms noch mehrfach gebrauchen sollte.

Nun gilt die Zweite von Brahms allgemein als eines seiner unbeschwertesten Werke, und so hat man diese Äußerungen vor allem als Dokumente eines speziellen Humors betrachtet. Der Musikwissenschaftler Reinhold Brinkmann dagegen nahm Brahms beim Wort, suchte nach kompositorischen Entsprechungen zu dessen Äußerungen und wurde bereits im ersten Satz nach 32 Takten fündig: Brahms lässt da – nach einem ruhigen, ländlichen, ja idyllischen Beginn der tiefen Streicher und Hörner – plötzlich Pauken, Posaunen und Basstuba mit leiser, durchaus unheimlicher Tongebung auftreten. Unterschwellige Bedrohungen wie diese finden sich in der gesamten Symphonie.

Wenigstens einem Zeitgenossen waren diese subkutanen Strömungen nicht entgangen: Der Kapellmeister Vincenz Lachner fragte Brahms 1879 in einem Brief, warum »die grollende Pauke, die düstern lugubren Töne der Posaunen und Tuba« in diesem Idyll zu hören seien. Sichtlich bewegt von einem solchen Verständnis seiner Musik, antwortete Brahms, »daß ich sehr gewünscht und versucht habe, in jenem ersten Satz ohne Posaunen auszukommen. Aber ihr erster Eintritt, der gehört mir, und ihn und also auch die Posaunen kann ich nicht entbehren. Sollte ich jene Stelle verteidigen, da müßte ich weitläufig sein. Ich müßte bekennen, daß ich nebenbei ein schwer melancholischer Mensch bin, daß schwarze Fittiche beständig über uns rauschen .« Es gehört zu den faszinierenden Eigenschaften dieses Meisterwerks, dass sich solche Äußerungen in der Tat kaum mit den Eindrücken des ersten Hörens decken – doch je mehr man in den Kosmos von Brahms’ Zweiter Symphonie eintaucht, desto mehr ahnt man, warum ihr Schöpfer sie als sein »liebliches Ungeheuer« bezeichnet hat.

Olaf Wilhelmer

Myung-Whun Chungbegann seine musikalische Karriere als Pianist und debütierte im Alter von sieben Jahren in seiner Heimat Korea beim Philharmonischen Orchester Seoul. 1974 gewann er den Zweiten Preis beim Tschaikowsky-Klavierwettbewerb in Moskau. Nach Studien am Mannes College sowie an der Juilliard School in New York wurde er Assistent von Carlo Maria Giulini beim Los Angeles Philharmonic Orchestra. Weitere Etappen seiner Karriere waren Chefpositionen beim Radio-Symphonieorchester Saarbrücken (1984 – 1990) und an der Pariser Opéra Bastille (1989 – 1994). Im Jahr 2000 kehrte Myung-Whun Chung als Chefdirigent des Orchestre Philharmonique de Radio France nach Paris zurück. Von 1997 bis 2005 stand er an der Spitze des Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom, 2006 übernahm er das Philharmonische Orchester Seoul. Mit Beginn der Spielzeit 2012/2013 wurde Myung-Whun Chung zudem Erster Gastdirigent der Staatskapelle Dresden. Er tritt weltweit mit den führenden Orchestern wie den Wiener Philharmonikern, dem Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, dem New York Philharmonic sowie mit dem Boston und dem Chicago Symphony Orchestra auf. Bei den Berliner Philharmonikern gab Myung-Whun Chung sein Debüt Ende Mai 1984, zuletzt dirigierte er das Orchester im Dezember 2001 mit Werken von Hans Werner Henze und Gustav Mahler. Zu den Auszeichnungen des Künstlers gehören der Premio Abbiati und der Arturo-Toscanini-Preis in Italien sowie die Ernennung zum »Commandeur dans l’Ordre des Arts et des Lettres« durch die französische Regierung (2011). Für sein großes Engagement in humanitären und ökologischen Fragen, für Jugendprojekte sowie im Kampf gegen Drogen wurde er in Korea und von der UNESCO mehrfach geehrt. Seine Heimat hat ihn in Anerkennung seiner Verdienste zum Ersten Kulturbotschafter Koreas ernannt, zudem setzt er sich seit 2008 als »Goodwill Ambassador« der UNICEF ein.

Alban Gerhardt, 1969 in Berlin geboren, war Schüler von Boris Pergamenschikow, Markus Nyikos und Frans Helmerson. Nach frühen Wettbewerbserfolgen und ersten Auftritten bei den Berliner Philharmonikern (1990 in einem Kammerkonzert sowie 1991 in Symphoniekonzerten unter der Leitung von Semyon Bychkov) begann eine internationale Solo-Karriere, die ihn inzwischen zu mehr als 250 verschiedenen Orchestern in der ganzen Welt geführt hat. Partner am Dirigentenpult waren dabei u. a. Christoph Eschenbach, Marek Janowski, Neeme und Paavo Järvi, Sir Neville Marriner, Andris Nelsons, Esa-Pekka Salonen, Christian Thielemann und David Zinman. im Rahmen seiner regen Konzerttätigkeit pflegt Alban Gerhardt ein umfangreiches Repertoire, zu dem über 70 Cellokonzerte zählen, nicht selten auch Raritäten. Die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten wie Pēteris Vasks, Brett Dean, Jörg Widmann, Osvaldo Golijov, Matthias Pintscher, Thomas Larcher, Mathias Hinke und Unsuk Chin dokumentiert sein Interesse an der Erweiterung der Violoncello-Literatur. Eine wichtige Rolle für Alban Gerhardts künstlerische Tätigkeit spielt auch die Kammermusik, die ihn zu internationalen Festivals, etwa den Londoner »Proms« oder dem Edinburgh Festival, und in bedeutende Konzertsäle wie die Suntory Hall (Tokio) und das Pariser Châtelet führt. Mit Steven Osborne, Lars Vogt, Christian Tetzlaff, Lisa Batiashvili, Baiba Skride und Emmanuel Pahud musiziert der Künstler regelmäßig in unterschiedlichen Besetzungen; 2014 ist er Artist in Residence in der renommierten Londoner Wigmore Hall. Bei den Berliner Philharmonikern gastierte Alban Gerhardt zuletzt Mitte April 2007 als Solist in Robert Schumanns Cellokonzert, Dirigent war Christian Thielemann.

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