Sir Simon Rattle und Frank Peter Zimmermann mit Bruckner und Mozart

Sa, 17. Mai 2014
Zum Gedenken an Claudio Abbado

Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle

Frank Peter Zimmermann

  • Franz Schubert
    Bühnenmusik zu Rosamunde, Fürstin von Zypern D 797: Nr. 5 Entr'acte nach dem 3. Aufzug (00:09:24)

  • Wolfgang Amadeus Mozart
    Konzert für Violine und Orchester Nr. 3 G-Dur KV 216 (00:26:52)

    Frank Peter Zimmermann Violine

  • Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 7 E-Dur (01:13:30)

  • kostenlos

    Mitglieder der Berliner Philharmoniker erinnern sich an Claudio Abbado (00:15:20)

Claudio Abbado, der diese Konzerte dirigieren sollte, verstarb am 20. Januar 2014. Die Berliner Philharmoniker trauern um einen außerordentlichen Musiker und Menschen: Seine Liebe zur Musik und seine unstillbare Neugier waren den Orchestermusikern eine unerschöpfliche Inspiration und prägten das gemeinsame Schaffen seit seinen ersten philharmonischen Konzerten im Jahr 1966. Die Berliner Philharmoniker sind stolz, ihn zu ihren Chefdirigenten zählen zu können und Teil seines musikalischen Erbes zu sein. Sein Tod ist für alle Musiker ein unendlich schwerer Verlust.

Die Berliner Philharmoniker verneigen sich in tiefer Liebe und Dankbarkeit vor Claudio Abbado und widmen diese Konzerte seinem Gedenken. Um an den schmerzlichen Verlust zu erinnern, wird Frank Peter Zimmermann in der ersten Hälfte des Konzerts das Violinkonzert G-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart ohne Dirigent spielen. Auch das Eröffnungsstück, die Zwischenaktmusik aus Franz Schuberts Rosamunde, wird ohne Dirigent musiziert. Unter der Leitung des Chefdirigenten Sir Simon Rattle erklingt im zweiten Teil die Symphonie Nr. 7 E-Dur von Anton Bruckner.

Wiener Wege und Holzwege

Gibt es spezifisch österreichische Musik, eine Traditionslinie, die Mozart mit Mahler verbindet? Der Dirigent, Kritiker und Opernintendant Paul Bekker erlangte mit seiner These zur symphonischen Entwicklung im 19. Jahrhundert große Aufmerksamkeit. Er unterschied drei Hauptlinien: die mitteldeutsche romantische (Mendelssohn, Schumann, Brahms und deren akademische Epigonen), die Programmsymphonie (Berlioz, Liszt) und schließlich die österreichische Symphonik. »Franz Schubert ist ihr Herold«, schreibt Bekker 1921, »Anton Bruckner ihre stärkste Elementarkraft, Gustav Mahler ihr Vollender.« Bekkers Thesen bieten noch heute interessanten Diskussionsstoff. Unter anderem deswegen, weil sich ausgerechnet die drei Wiener Klassiker – Haydn, Mozart und Beethoven – nicht in dieses Schema pressen lassen.

Wolfgang Amadeus Mozart: Violinkonzert Nr. 3 G-Dur KV 216

Die Liste von Wolfgang Amadeus Mozarts vor 1781 entstandenen Werke ist lang. Zu ihnen zählen die innerhalb kürzester Zeit geschriebenen fünf Violinkonzerte. Jenes in G-Dur (KV 216) stand eine Zeit lang im Schatten der beiden unmittelbar danach komponierten Gattungsbeiträge. Erst Alfred Einstein erkannte, welchen kreativen Sprung das G-Dur-Konzert bedeutete: »Wenn es ein Wunder in Mozarts Schaffen gibt«, behauptet Einstein in seinem 1945 veröffentlichten Mozart-Buch, »so ist es die Entstehung dieses Konzerts.« Er bezog dieses Wunder auf den Themenreichtum, das lebendige Verhältnis von Orchester und Solist sowie auf die jeden konventionellen und virtuosen Formelkram beiseite drängende Originalität. Der Ruhm des Stücks beruht auf der elysischen Innigkeit des Adagio-Satzes, die sich freilich vereinzelt auch in den Serenaden und Divertimenti findet. Genauso wenig stellt der folkloristische Charakter des Rondo-Finales eine Rarität dar. Entgegen weit verbreiteter Vorurteile war Mozart keineswegs ein Verächter von Volksmusik, viele der frühen Serenaden beweisen es zur Genüge, ebenso dutzende von Menuetten und Deutschen Tänzen aus seinen letzten Lebensjahren.

Mozarts Violinkonzerten war zunächst kein Erfolg beschieden. Einem Druckverzeichnis zufolge, das ein Wiener Verleger 1799 herausgab, konnte man in jenen Tagen nur ein einziges von ihnen erwerben. Zwar verbesserte sich die Verlagssituation schnell, nachdem Breitkopf & Härtel 1798 mit der Edition einer angeblich vollständigen Werkausgabe begann, aber Mozart stand auf vielen Feldern im Schatten von Haydn und Beethoven. So waren es vor allem Haydn-Symphonien, die der junge Franz Schubert als Geiger im Schülerorchester des Wiener Stadtkonvikts kennenlernte und bei verschiedenen Liebhaberorchestern hörte. Schuberts frühe Symphonien verraten dann auch keinen Einfluss Mozarts, abgesehen von der Fünften Symphonie, deren Menuett in g-Moll für Momente an Mozarts Symphonie KV 550 gemahnt. Vielmehr schlägt Schubert einen ganz eigenen Ton an, der auch mit seinem Abgott Beethoven wenig zu tun hat. Die durchaus vorhandenen, vagen Ähnlichkeiten sind im Bereich der Stimmungen und des Ausdrucks zu suchen.

Franz Schubert: Bühnenmusik zum Schauspiel Rosamunde, Fürstin von Zypern D 797

Rosamunde, Fürstin von Zypern ist Schuberts letztes vollendetes Projekt eines romantischen Zauberspiels vor exotischer Kulisse. Bei der Premiere im Theater an der Wien feierte der Komponist am 20. Dezember 1823 mit den innerhalb von fünf Tagen geschriebenen Stücken einen seiner größten öffentlichen Erfolge. Das Libretto der dichtenden Dilettantin Helmina von Chézy erwies sich jedoch als derart läppisch, dass es nur zu einer Wiederholung kam. Schubert hatte aus Zeitgründen keine Ouvertüre zu dem Drama komponiert, sondern auf seine Ouvertüre zu Alfonso und Estrella zurückgegriffen. In einer späteren Klavierfassung der Schauspielmusik verwendete er dann die Ouvertüre zu seiner Oper Die Zauberharfe. Sie gehört zusammen mit der raunenden Ballettmusik und dem Entr’acte nach dem 3. Akt zu den unsterblichen Nummern der in ihrer Gesamtgestalt nicht lebensfähigen Schöpfung. Die sanfte, melancholische Melodie dieses Zwischenspiels scheint Schubert besonders geliebt zu haben: Er verwendete sie auch im Andante des Streichquartettes a-Moll, dem sogenannten Rosamunde-Quartett, und leicht variiert im Impromptu B-Dur D 935 Nr. 3.

So schwer die Affinität zwischen Mozart und Schubert zu greifen ist, so leicht treten die Gemeinsamkeiten zwischen Schubert und Anton Bruckner hervor. Aus einem verwandten »Natur- und Heimatgefühl« lassen sie sich freilich nicht erklären. Überhaupt ergibt die Redeweise von der »österreichischen Symphonik« wenig Sinn – in Vorarlberg und Kärnten wurden keine Symphonien geschrieben. Will man wirklich das Regionalprinzip als wissenschaftlichen Ordnungsfaktor heranziehen, dürfte allenfalls von einer »Wiener Symphonik« gesprochen werden. In der Tat kehren bei Bruckner viele stilistische Eigenarten Schuberts wieder: die kühne Harmonik, die berühmten himmlischen Längen der Themen, die Ausweitung der Satzdimensionen, teilweise bedingt durch die Dreier-Thematik (im Gegensatz zur klassischen Verwendung von nur zwei Themen im Sonatensatz), die riesigen und häufigen Generalpausen und nicht zuletzt der ländlerartig derbe Ton in den Scherzosätzen.

Anton Bruckner: Symphonie Nr. 7 E-Dur

Der erste Satz (Allegro moderato) beginnt mit dem längsten Thema, das Bruckner jemals ersann; es beansprucht 21 Takte für sich und vereint sozusagen die an Schuberts großer C-Dur-Symphonie gerühmte »himmlische Länge« mit der »unendlichen Melodie« Wagners. Nach der Wiederholung des Hauptthemas im vollen Orchester, allerdings ohne Trompeten und Posaunen, formuliert die Oboe das zweite Thema; es tritt ohne Überleitung auf und stützt streckenweise den sanglichen Bläsersatz auf Pizzicati der Streicher. Die Gesangsperiode mündet in heftige, monotone Rufe des Blechs. Daran anschließend, wiederum ohne Übergang, in den Streichern das dritte Thema, eher unscheinbar von Gestalt, aber wichtig für die rhythmische Strukturierung des weitgehend kantabel angelegten Kopfsatzes. Die Durchführung verarbeitet diese drei Themen, aber auch die Reprise, die eigentlich nur die Hauptmotive wiederholen dürfte, führt sie in veränderter Gestalt fort. Die Coda, der triumphale Abschluss des Kopfsatzes, stellt eines der bis dato gewaltigsten Crescendi der Musikgeschichte dar.

Das Adagio erlangte Ruhm als Musikstück, das Richard Wagner gewidmet ist. Bruckner verwendet hier erstmals die sogenannten Wagner-Tuben, und die weihevollen, verklärenden Schlusstakte sollen unter dem Eindruck der Nachricht von Wagners Tod entstanden sein. Dennoch treten im Übergang von der Themenexposition zur Durchführung die Streicher recht ausführlich mit einer unverkennbar »weanerisch« klingenden Melodie im Dreiviertel-Takt hervor.

Das Scherzo, vor dem Adagio niedergeschrieben, wurde von Zeitgenossen als eine Art »Walkürenritt« empfunden. Die bei Bruckner einmalige Tempovorschrift »sehr schnell« verleiht ihm in dessen Gesamtwerk auf jeden Fall eine Sonderrolle. Das walzerähnliche Trio kommt nur scheinbar naiv-harmlos daher; es ist »etwas ruhiger«, also keineswegs gemächlich vorzutragen und lässt in der Pauke auch den polternden Rhythmus der Scherzo-Abschnitte hören. Das Finale beginnt sogleich mit dem erheblich beschleunigten Hauptthema des ersten Satzes, ein nachdenkliches, choralartiges zweites Thema folgt über schreitenden Pizzicati der tiefen Streicher. Bruckner findet in diesem Finale zu einer formalen Lösung, die sich stark von den vorhergehenden Symphonien unterscheidet und deren Originalität in der Variation der einzelner Themen aus den ersten beiden Sätzen besteht, nicht zuletzt aber auch in ihrer Kürze. Kein anderes Finale Bruckners ist derart knapp gehalten und zugleich so mannigfaltig in der Struktur. Auch deswegen wohl überzeugte die Siebte Symphonie spontan die Zuhörer der ersten Aufführungen in Leipzig, München und Wien.

Volker Tarnow

Frank Peter Zimmermann, 1965 in Duisburg geboren, erhielt als Fünfjähriger den ersten Violinunterricht; im Alter von zehn Jahren debütierte er mit einem Violinkonzert von Mozart, 1977 wurde er mit einem Ersten Preis beim Wettbewerb »Jugend musiziert« ausgezeichnet. Nach Studien bei Valery Gradow, Saschko Gawriloff und Hermann Krebbers begann 1983 seine steile Karriere, die ihn als Solisten mit Spitzenorchestern und renommierten Dirigenten zusammenführte. Er war ArtistinResidence beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Saison 2010/2011), beim New York Philharmonic und bei den Bamberger Symphonikern sowie aktuell beim Tonhalle-Orchester Zürich. Drei Violinkonzerte brachte der Musiker bisher zur Uraufführung: Matthias Pintschers en sourdine mit den Berliner Philharmonikern (2003, Dirigent: Peter Eötvös), Brett Deans The Lost Art of Letter Writing mit dem Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam unter der Leitung des Komponisten (2007) und 2009 in Paris Juggler in Paradise von Augusta Read Thomas mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France (Dirigent: Andrey Boreyko). Neben seinen zahlreichen Orchesterengagements tritt Frank Peter Zimmermann regelmäßig als Kammermusiker auf; zu seinen Partnern hierbei zählen die Pianisten Piotr Anderszewski, Enrico Pace und Emanuel Ax; mit dem Bratscher Antoine Tamestit und dem Cellisten Christian Poltéra gründete er 2007 das Trio Zimmermann, das Einladungen u. a. zu den Salzburger Festspielen, dem Edinburgh Festival, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und dem Rheingau Musik Festival erhielt. Der Geiger wurde mit dem Rheinischen Musikpreis (1994) und dem Musikpreis der Stadt Duisburg ausgezeichnet (2002). Im Januar 2008 verlieh ihm die Bundesrepublik Deutschland das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war Frank Peter Zimmermann seit seinem Debüt im Jahr 1985 regelmäßig zu erleben, zuletzt im April 2013 unter der Leitung von Paavo Järvi mit dem Violinkonzert von Paul Hindemith. Frank Peter Zimmermann spielt eine Stradivari aus dem Jahr 1711, die einst Fritz Kreisler gehörte und die ihm von der Portigon AG zur Verfügung gestellt wird.