Jakub Hrůša und Frank Peter Zimmermann mit einem tschechischen Abend

13. Okt 2018

Berliner Philharmoniker
Jakub Hrůša

Frank Peter Zimmermann

  • Antonín Dvořák
    Das goldene Spinnrad op. 109 (30 Min.)

  • Bohuslav Martinů
    Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 (26 Min.)

    Frank Peter Zimmermann Violine

  • Sergej Rachmaninow
    Prélude g-Moll op. 23 Nr. 5 (Bearbeitung von Ernst Schliephake) (5 Min.)

  • Leoš Janáček
    Taras Bulba, Rhapsodie für Orchester (31 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Jakub Hrůša im Gespräch mit Philipp Bohnen (20 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Frank Peter Zimmermann im Gespräch mit Philipp Bohnen (9 Min.)

Frank Peter Zimmermann ist einer der bedeutendsten Geiger unserer Zeit – und einer, der jenseits ausgetretener Repertoirepfade immer wieder nach weniger Vertrautem sucht: »Ich habe die Standardwerke so oft gespielt und auch aufgenommen, dass ich andere bedeutende Werke neben dem großen Strang dem Publikum näherbringen möchte.« In diesem Konzert steht das Violinkonzert Nr. 1 von Bohuslav Martinů im Fokus, das »kaum minder großartig« ist, als die zur gleichen Zeit entstandenen herausragenden Violinkonzerte von Strawinsky, Bartók, Berg, Schönberg, Hindemith und Britten, was sich allerdings »noch nicht herumgesprochen zu haben scheint« (Zimmermann).

Martinů, der 1890 in Polička nahe der böhmisch-mährischen Grenze geboren wurde und in jungen Jahren selbst als Violinist in der Tschechischen Philharmonie tätig war, schrieb dieses Stück 1932/1933 für den Violinvirtuosen Samuel Dushkin, für den Strawinsky kurz zuvor sein Violinkonzert komponiert hatte. Das technisch enorm anspruchsvolle Werk zeigt u. a. mit seinen Schlagzeugeffekten im Mittelteil, wie sehr der tschechische Tonsetzer in den »wilden Zwanzigern« mit dem in Paris grassierenden »Virus des Neoklassizismus« (George Antheil) infiziert worden war. Dennoch sorgen originelle Details wie etwa die gedämpften Streichertriller mit Flatterzungenklängen der Flöte im groß angelegten Kopfsatz oder die vertrackten Synkopen in der zündenden Coda des Finales für einen individuellen Tonfall.

Jakub Hrůša, Chefdirigent der Bamberger Symphoniker und erstmals bei den Berliner Philharmonikern zu Gast, hat an den Konzertbeginn die Tondichtung Das goldene Spinnrad seines Landsmanns Antonín Dvořák gestellt. Die abwechslungsreiche Musik nach einer Sage von Karel Jaromír Erben schildert die tschechische Variante des Aschenputtel-Stoffs. Abgerundet wird der Abend mit Leoš Janáčeks dramatischer und brillant instrumentierter Orchesterrhapsodie Taras Bulba nach der gleichnamigen Novelle Nikolai Gogols, in der die Tragödie des alten Saporoger Kosaken Taras Bulba und die seiner beiden Söhne, Andrij und Ostap, im Aufstand gegen Polen erzählt wird. Die poetische Vorlage bestimmt Form und Satzverlauf: Im ersten Teil evoziert eine grüblerische Musik die zwiespältigen Gefühle des Kosakenhauptmanns, der seinen eigenen Sohn tötet, da ihn dieser um der Liebe zu einer polnischen Adligen willen verraten hat. Im zweiten Satz wird Taras Bulba Zeuge von der Hinrichtung seines zweiten Sohnes Ostap durch die Polen, im dritten Teil wird er selbst verurteilt. Dennoch endet das Werk in einer gewaltigen Apotheose, da sich das Ende der polnischen Okkupation abzeichnet.

Schaurige Geschichten und ein vergessenes Virtuosenstück

Kompositionen von Dvořák, Martinů und Janáček

Dieses Konzertprogramm mit Werken dreier tschechischer Komponisten ist größtenteils nichts für schwache Nerven oder empfindliche Gemüter. Den beiden Eckstücken liegen grausame Erzählungen zugrunde. Das goldene Spinnrad von Antonín Dvořák findet zumindest ein glückliches Ende. Die Ballade Taras Bulba hingegen endet tragisch, doch bei Leoš Janáček werden die Taten, die Russlandverehrung und der Tod des slawischen Titelhelden verklärt. Zwischen diesen Geschichten steht das erst Jahrzehnte nach seiner Vollendung uraufgeführte Erste Violinkonzert von Bohuslav Martinů als ein typisches Beispiel für die Kunst eines schwer einzuordnenden, zu Unrecht außerhalb seiner Heimat wenig aufgeführten Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Das goldene Spinnrad von Antonin Dvořák

Antonín Dvořák wandte sich nach der Komposition seiner Neunten Symphonie 1896 der Programmmusik zu und schrieb in kurzer Zeit vier Symphonische Dichtungen. Sie basieren auf Balladen seines Landsmanns Karel Jaromír Erben, eines Historikers, Schriftstellers und Archivars, der vor allem durch seine Sammlung tschechischer Volksmärchen bekannt wurde. Obwohl Dvořák keinen geschlossenen Zyklus im Sinn hatte und die einzelnen Kompositionen je nach ihrer Eigenart gestaltete, haben die vier Gattungsbeiträge einen inneren Zusammenhang: »Sie bilden eine Einheit, vor allem durch ihren rein tschechischen Charakter und durch ihre Volkstümlichkeit, für deren in Erbens Werk so charakteristische Merkmale er ein vorbildliches Adäquat in der Musik zu schaffen wusste«, schreibt der Dvořák-Herausgeber Jarmil Burghauser im Vorwort der Partitur.

Die dritte von Dvořák vertonte Erben-Dichtung ist Das goldene Spinnrad. Sie unterscheidet sich von den beiden vorangegangenen, Der Wassermann und Die Mittagshexe dadurch, »dass sie von der Form einer Ballade abgeht und die eines gereimten Märchens annimmt, und zwar sowohl was den Inhalt betrifft, als auch hinsichtlich ihrer breiteren epischen Entfaltung« (Burghauser). Die aus 62 fünfzeiligen Strophen bestehende Ballade ist gleichermaßen grotesk wie grausam: Ein geheimnisvolles goldenes Spinnrad bringt das Opfer eines hinterlistigen Mordes ins Leben zurück und zwei Liebende wieder zusammen.

Dvořák hat den handelnden Personen und bestimmten Situationen spezielle, leitmotivische Themen gegeben. Besonders charakteristisch ist, dass er die Musik im Rhythmus und in der Intonation des literarischen Texts gestaltete. Man könnte die originalen Verse direkt auf die Melodie des Orchesterwerks singen. Dieses Verfahren fand seine Fortführung im Prinzip der »Sprachmelodie« von Leoš Janáček.

Das Violinkonzert Nr. 1 von Bohuslav Martinů

Neben Smetana, Dvořák und Janáček ist Bohuslav Martinů »der vierte Klassiker der tschechischen Musik« (Harry Halbreich) und einer der bedeutendsten Komponisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gleichwohl wurde er nie so bekannt wie etwa seine Zeitgenossen Béla Bartók und Igor Strawinsky. Es scheint, als ob auch im 21. Jahrhundert noch gelte, was der Martinů-Forscher Halbreich 1968 konstatierte: »Die Avantgardisten wenden sich achselzuckend ab, während andererseits der eigenwillige Formbau seiner Musik, ihre Beweglichkeit, ihr Mangel an festen Themengebilden und wohlvertrauten Anhaltspunkten die Interpreten vor Schwierigkeiten stellen, die sie bei dieser anscheinend so milden, tonalen Tonsprache nicht vermuten.«

Sein Erstes Violinkonzert komponierte Martinů 1932/1933 für den Geiger Samuel Dushkin. Probleme entstanden bei der Arbeit dadurch, dass der Komponist, selbst ein vorzüglicher Geiger, keiner Ratschläge des Violinvirtuosen bedurfte. Der Martinů-Freund und -Biograf Miloš Šafránek erinnerte sich 1961 des »häufigen Meinungsaustauschs der beiden Künstler über verschiedene Einzelheiten des Konzerts, was offensichtlich der Grund für den Komponisten war, es unvollendet zu lassen«. Das Manuskript verschwand dann auf mysteriöse Weise. Als Ersatz schrieb Martinů noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Paris für Dushkin eine viersätzige Suite concertante für Violine und Orchester, die er aber 1942/1943, als er bereits in den USA lebte, revidierte und erweiterte.

Die Partitur des Violinkonzerts wurde erst drei Jahrzehnte nach ihrer Entstehung von Hans Moldenhauer entdeckt. Der 1938 in die USA emigrierte Pianist und Musikforscher fand 1961 das Manuskript im Besitz eines mit Martinů befreundeten Fagottisten des Boston Symphony Orchestra. Nachdem die Witwe des Komponisten ihm die Erlaubnis zu einer aufführungspraktischen Einrichtung des Konzerts gegeben hatte, knüpfte Moldenhauer Kontakt zu dem tschechischen Geiger Josef Suk und konnte ihn für eine besondere kulturelle Ost-West-Kooperation gewinnen: Das Werk erklang mit Suk als Solist zunächst am 25. und 26. Oktober 1973 in Chicago und knapp ein Jahr später, am 24. September 1974, in Prag.

Warum Dushkin Martinůs Stück reserviert gegenüberstand, es gar ablehnte, bleibt ungewiss. Vielleicht ging ihm der Solopart, in dessen energisch-spielfreudigen Ecksätzen vor allem das neobarocke Moment und der Concerto-grosso-Charakter auffallen, zu sehr im Orchester auf. Es gibt keine Kadenz, in der sich der Solist brillant hervortun könnte. Dafür konzertiert er im zweiten Satz, einem lyrischen Andante, intensiv mit den ersten Holzbläsern. Gleichwohl stellt das Konzert höchste Ansprüche an die Virtuosität der Ausführenden.

Taras Bulba – Rhapsodie für Orchester vonLeoš Janáček

Leoš Janáčeks Taras Bulba weitet den Blick vom Tschechischen zum Slawischen und ist ein markantes Beispiel für die Russland-Begeisterung des Komponisten, der sich als junger Mann gern in der russischen Schreibweise seines Vornamens »Lev« nannte. 1896 kam er zum ersten Mal in das bewunderte Land, um seinen in St. Petersburg lebenden Bruder František zu besuchen. Über seine Russlandreisen verfasste Janáček eindrucksvolle Schilderungen. Er lernte Russisch und wurde in der ihn prägenden mährischen Stadt Brno Mitglied des 1899 gegründeten »Russischen Zirkels« zur Pflege russischer Sprache und Literatur. Mit der Zeit las er Romane und Erzählungen russischer Autoren im Original. Einige regten ihn zu Opern an – so Alexander Ostrowski zu Kátʼa Kabanová und Fjodor Dostojewski zu Aus einem Totenhaus. Lew Tolstois Novelle Kreutzersonate inspirierte ihn zu seinem Ersten Streichquartett.

Auch Taras Bulba, ursprünglich als »Slawische Orchesterrhapsodie« bezeichnet, verdankt sich literarischen Anregungen: Janáček las 1903/1904 Nikolai Gogols Novelle über den Kosakenführer Taras Bulba, notierte Anmerkungen zur Übersetzung verschiedener Passagen und brachte auch einige Noten zu Papier. Bei der Komposition konzentrierte sich Janáček weniger auf die problematische Persönlichkeit des Titelhelden als auf dessen Rolle als militärischer Führer und dessen unzerstörbaren Glauben an die Stärke des russischen Volks. Damit traf er den entscheidenden Nerv, ein wichtiges politisches, national getöntes Gefühl der Tschechen und Slowaken, die zu Zeiten des Habsburgerreichs unterdrückt worden waren.

Janáček erläuterte seine Intention: »Nicht weil Taras Bulba seinen eigenen Sohn getötet hat, weil er sein Volk verraten hat, nicht wegen des Märtyrertodes seines zweiten Sohnes , sondern weil ›es kein Feuer und kein Leiden in der ganzen Welt gibt, das die Stärke des russischen Volks brechen könnte‹ – für diese Worte, die auf die stechende feurige Glut des Scheiterhaufens fallen, auf dem Taras Bulba, der berühmte Kosakenhauptmann, verbrannt wurde habe ich diese Rhapsodie nach der Legende geschrieben, wie sie von Nikolai Gogol verfasst wurde.«

Helge Grünewald

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