So, 10. Mai 2015

Berliner Philharmoniker
Mariss Jansons

Frank Peter Zimmermann

  • Béla Bartók
    Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta Sz 106 (00:38:17)

  • Dmitri Schostakowitsch
    Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 cis-Moll op. 129 (00:33:26)

    Frank Peter Zimmermann Violine

  • Johann Sebastian Bach
    Sonata Nr. 2 a-Moll, BWV 1003: Allegro (00:06:50)

  • Maurice Ravel
    Daphnis et Chloé, Suite Nr. 2 (00:20:59)

  • kostenlos

    Mariss Jansons im Gespräch mit Gábor Tarkövi (00:12:04)

  • kostenlos

    Frank Peter Zimmermann im Gespräch mit Rüdiger Liebermann (00:07:49)

In seiner Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta gelang es Béla Bartók, ein dichtes Netz von Klangfarbenbeziehungen zu knüpfen, in dem sich kontinuierliche Übergänge und unvermittelte Kontraste gegenüberstehen. Die große Bedeutung, die dem Orchesterklang zukommt, unterstreicht die auf klangräumliche Wirkungen abzielende Aufstellung der Instrumentalisten: Laut Partitur sind die in zwei Quintette aufgeteilten Streicher links und rechts vom Podium so zu platzieren, dass sich beide Gruppen am äußersten Ende des Halbkreises in den Kontrabässen berühren, während die Mitte des Podiums dem Schlagwerk vorbehalten bleibt. Mariss Jansons hat Bartóks »Meisterwerk« (Paul Sacher) für sein Gastdirigat bei den Berliner Philharmonikern ausgewählt, ebenso wie die Zweite Suite aus Maurice Ravels »Symphonie chorégraphique« Daphnis et Chloé, die Igor Strawinsky als »eines der schönsten Produkte in der gesamten französischen Musik« bezeichnete.

Zwischen diesen beiden Werken widmet sich Frank Peter Zimmermann Dmitri Schostakowitschs von starken emotionalen Umschwüngen geprägtem Zweiten Violinkonzert – einem Werk, das Schostakowitsch für David Oistrachs 60. Geburtstag komponierte. Allerdings hatte sich der Komponist um ein Jahr verrechnet, so dass die erfolgreiche Premiere am 26. Oktober 1967 in Moskau stattfand, als Oistrach noch 59 Jahre alt war …

Festliches, Melancholisches und Träumerisches

Werke von Bartók, Schostakowitsch und Ravel

Raffiniert konstruiert und zugleich verständlich: Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta

1936 gab der schweizerische Mäzen und Dirigent Paul Sacher bei Béla Bartók ein Werk zum zehnjährigen Bestehen seines Basler Kammerorchesters in Auftrag. Dem Anlass entsprechend sollte es prächtig und repräsentativ sein, aber technisch nicht zu anspruchsvoll. In einem Brief vom 27. Juni 1936 schrieb Bartók an Sacher, er denke »an ein Werk für Saiten- und Schlaginstrumente (also außer Streichern noch Klavier, Celesta, Harfe, Xylofon und Schlagzeug)«, diese Besetzung werde wohl keine Schwierigkeiten verursachen. Heikler sei indes die Erfüllung des Wunschs, das Werk solle nicht allzu kompliziert sein: »Technische Schwierigkeiten werde ich wohl möglichst vermeiden können; schwieriger ist aber die Vermeidung rhythmischer Schwierigkeiten. Wenn man etwas Neues schreibt, so stellt das bloß wegen der Ungewohntheit bereits Schwierigkeiten an die Ausführenden.«

Der raffiniert gebaute erste Satz (Andante tranquillo) ist nach Bartóks eigener Werkanalyse »streng durchgeführt« und verläuft in einem großen crescendo-decrescendo-Bogen, den die gedämpften Bratschen beginnen. Zu hören ist eine chromatische (Fächer-)Fuge, deren Themeneinsätze zwei Quintenzirkeln in gegensätzlicher Bewegungsrichtung folgen: bei den geradzahligen Einsätzen (Nr. 2 bis Nr. 12) aufwärts und bei den ungeradzahligen (Nr. 3 bis Nr. 11) abwärts. Nachdem in beiden Richtungen jeweils die entfernteste Tonart (Dis bzw. Es) erreicht worden ist – »Climax des Satzes« –, schließen sich die weiteren Themeneinsätze in der Umkehrung an, bis sie im Pianissimo wieder zur Grundtonart zurückfinden. Das Thema des Kopfsatzes ist gleichsam das »Leitmotiv« der ganzen Komposition: Es wird immer wieder aufgegriffen und im dritten sowie vierten Satz zitiert. Ganz nach dem Prinzip der klassischen Sonatenform gestaltet, ist das an zweiter Stelle stehende Allegro ein sehr bewegter, markanter Satz. Hier setzt Bartók das Streichorchester doppelchörig ein, Harfe und Klavier übernehmen tragende wie auch solistische Funktionen. Charakteristisch ist der Wechsel zwischen gezupften und gestrichenen Passagen der geteilten Streichergruppen. Das folgende Adagio ist in der für den Komponisten so typischen Brückenform angelegt: »A – B – C – B – A. Zwischen den einzelnen Abschnitten erscheint je ein Abschnitt des Themas des ersten Satzes.« Ein sehr atmosphärisches, spannungsgeladenes, geheimnisvolles Nachtstück entwickelt sich aus geräuschhaften Klängen und Naturlauten von Xylofon und Pauken, ehe die Streicher hinzukommen. Ihm kontrastiert deutlich das Finale (Allegro molto): ein Rondo voller Musizierlust und packender Akzente, in dem der Einfluss der ungarischen Volksmusik am stärksten zum Vorschein kommt.

Herb, melancholisch, mit minimalistischen Zügen: Dmitri Schostakowitschs Zweites Violinkonzert

1947 komponierte Dmitri Schostakowitsch sein erstes, David Oistrach zugeeignetes Violinkonzert a-Moll op. 77. Auf Anraten des Geigerfreundes verzichtete er aber auf dessen Aufführung, denn im Februar 1948 war es (erneut) zu heftigen Attacken gegen den Komponisten und einige seiner Kollegen wegen »formalistischer« und »volksfremder« Schreibweise gekommen. Das Konzert blieb einige Jahre liegen und kam erst 1955 in Leningrad mit dem Widmungsträger als Solist und den Leningrader Philharmonikern unter der Leitung von Jewgeni Mrawinsky zur Uraufführung. Weitere zwölf Jahre vergingen, ehe Schostakowitsch, wiederum für Oistrach, ein zweites Konzert folgen ließ. Diese Komposition war als Geschenk zum 60. Geburtstag des Geigers vorgesehen. Tatsächlich aber irrte sich der Komponist, denn 1967 wurde Oistrach erst 59 Jahre alt. Schostakowitsch korrigierte seinen Irrtum und ließ im folgenden Jahr die Sonate für Violine und Klavier »zu Ehren des 60. Geburtstages von D[avid] F[Fedorowitsch] Oistrach« folgen.

Das Violinkonzert op. 129 in der ungewöhnlichen Tonart cis-Moll bildet einen Gegenpol zum »freundlicher« gestimmten Vorgänger in a-Moll. Es ist klassisch dreisätzig gebaut. Das einleitende Moderato entwickelt sich aus der düster klingenden Achtelbewegung der tiefen Streicher (kleine Sekunde und Quart) und einem expressiven Thema der Solovioline, das von den Holzbläsern und Streichern übernommen wird. Ein bewegter Più-mosso-Teil, der ins Allegretto übergeht, schließt sich an. Die Solokadenz hat ihren Platz vor der Coda. Auch das an zweiter Stelle stehende Adagio, »mit seinem schreitenden Air-Charakter ein Vorbild musikalischer Gedankenlyrik« (Karl Schumann), wird von den Bässen mit liegenden Tönen und der Solovioline eröffnet. Mit einem großen, sich zu Leidenschaftlichkeit steigernden Auftritt entfaltet der Solist seine Kantilenen. In der Mitte des Satzes befindet sich eine kurze Kadenz. Das Solohorn setzt einen offenen Schluss, es verbindet den zweiten mit dem dritten Satz, dem eine kurze langsame Einleitung (Adagio) vorangestellt ist. Das Finale in Rondoform hat burleske Züge und bietet dem Interpreten Gelegenheit, in der ausgedehnten Solokadenz zu brillieren. Bei aller Energie und angesichts des vorwärtsdrängenden Hauptthemas sollte man sich indes nicht über den Charakter dieses Satzes täuschen lassen: Er ist nicht beschwingt, ausgelassen oder heiter, sondern eher trotzig, stellenweise sogar sarkastisch und bissig.

Dass die Uraufführung kein großer Erfolg war, lag weder an der Komposition noch ihren Interpreten, sondern an außermusikalischen Umständen, denn sie fand im Rahmen eines festlichen Konzerts zur Feier des 50. Jahrestages der Oktoberrevolution statt. Man kann sich unschwer vorstellen, dass die Hörer eher aus politischer Verpflichtung, denn aus genuin musikalischem Interesse kamen.

»Ein großes musikalische Fresko«: Maurice Ravels Symphonie chorégraphique Daphnis et Chloé

In eine ganz andere Welt, zu einem Griechenland-Traum des 20. Jahrhunderts, führt Maurice Ravels Ballettmusik Daphnis et Chloé. Sie basiert auf dem Liebesroman, den der griechische Rhetoriker Longos im dritten Jahrhundert n. Chr. verfasste. Dieser erzählt von zwei jungen Menschen, die ihr Leben als Schafhirten auf einer Insel im ägäischen Meer verbringen und deren Liebe auf eine harte Probe gestellt wird: Piraten rauben Chloé und ihre Freundinnen, obwohl sie sich in eine heilige Grotte geflüchtet hatten. Erst durch das Eingreifen des Hirtengottes Pan und der von ihm entfesselten Naturgewalten werden die Räuber in die Flucht geschlagen; Chloé wird befreit und findet zurück zu ihrem geliebten Daphnis.

Dass die Musik überhaupt komponiert wurde, ist dem Choreografen Michail Fokin und dem Direktor der Ballets russes, Sergej Diaghilew, zu verdanken. Fokin hatte 1904 den Roman zufällig in einer Petersburger Buchhandlung entdeckt und ein Ballettszenario entworfen, für das er Diaghilew gewinnen konnte; der wiederum beauftragte 1909 Ravel mit der Komposition. Fokin hatte zunächst davon geträumt, in Daphnis et Chloé zum ersten Mal die wiederauferstandene Musik des alten Griechenland auf einem neuzeitlichen Theater erklingen zu lassen. Im Laufe seiner Unterredungen mit Ravel wurde ihm jedoch klar, dass eine solche »Auferstehung« mangels Informationen über die Musik des Altertums kaum möglich war.

Ravel erklärte: »Meine Absicht war, ein großes musikalisches Fresko zu komponieren, wobei ich mich weniger um historische Genauigkeit bemühte als um Treue zum Griechenland meiner Träume, das eher jenem Griechenland verwandt ist, wie es die französischen Maler vom Ende des 18. Jahrhunderts sich vorstellten und schilderten.« Für den Konzertgebrauch stellte der Komponist zwei Suiten zusammen, deren zweite rasch populär wurde. Diese »symphonischen Fragmente« – so der Originaltitel – sind gleichsam ein Kurzdurchgang durch das Werk, bieten die wichtigen Stationen und Höhepunkte der Handlung – vom zarten Tagesanbruch und Sonnenaufgang (Lever du jour) über die innige Flötenpastorale (Pantomime) bis zum wild-ekstatischen Schlusstanz (Danse générale).

Helge Grünewald

Mariss Jansons ist seit 2003 Chefdirigent von Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks. In gleicher Position leitete er zudem von 2004 bis März 2015 das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, dessen Ehrendirigent er bleibt. 1943 in Riga geboren, studierte Mariss Jansons Violine, Klavier und Dirigieren am Leningrader Konservatorium und anschließend in Wien bei Hans Swarowsky sowie bei Herbert von Karajan in Salzburg. 1971 gewann er den Herbert-von-Karajan-Dirigentenwettbewerb in Berlin; im selben Jahr holte Jewgeni Mrawinsky ihn als Assistenten zu den Leningrader Philharmonikern (seit 1991: St. Petersburger Philharmoniker), deren ständiger Gastdirigent er bis 1999 war. Von 1979 bis 2000 formte Mariss Jansons das Philharmonische Orchester Oslo als dessen Chefdirigent zum internationalen Spitzenensemble. Zwischen 1992 und 1997 Erster Gastdirigent des London Philharmonic Orchestra, übernahm er danach (bis 2004) die Leitung des Pittsburgh Symphony Orchestra. Darüber hinaus hat er mit allen bedeutenden Orchestern der Welt erfolgreich zusammengearbeitet; seit 1976 steht Jansons auch regelmäßig am Pult der Berliner Philharmoniker, zuletzt im Juni 2012 mit Werken von Smetana, Martinů und Dvořák. Fast 30 Jahre lang, von 1971 bis 2000, hatte Mariss Jansons außerdem eine Professur für Dirigieren am St. Petersburger Konservatorium. Zu den vielen Auszeichnungen des Künstlers zählen die Hans-von-Bülow-Medaille der Berliner Philharmoniker (2003), die Ernennung zum »Conductor of the Year« (Royal Philharmonic Society London, 2004) sowie Ehrenmitgliedschaften der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und der Royal Academy of Music. 2006 wurde Mariss Jansons mit dem Drei-Sterne-Orden die höchste Ehrung der Republik Lettland zuteil. 2010 erhielt er den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst, 2013 den Ernst-von-Siemens-Musikpreis sowie das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland.

Frank Peter Zimmermann, 1965 in Duisburg geboren, erhielt als Fünfjähriger den ersten Violinunterricht; im Alter von zehn Jahren debütierte er mit einem Violinkonzert von Mozart, 1977 wurde er mit einem Ersten Preis beim Wettbewerb »Jugend musiziert« ausgezeichnet. Nach Studien bei Valery Gradow, Saschko Gawriloff und Hermann Krebbers begann 1983 seine steile Karriere, die ihn als Solisten mit Spitzenorchestern und renommierten Dirigenten zusammenführte. Er war ArtistinResidence beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Saison 2010/2011), beim New York Philharmonic und bei den Bamberger Symphonikern sowie beim Rheingau Musik Festival. Drei Violinkonzerte brachte der Musiker bisher zur Uraufführung: Matthias Pintschers en sourdine mit den Berliner Philharmonikern (2003, Dirigent: Peter Eötvös), Brett Deans The Lost Art of Letter Writing mit dem Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam unter der Leitung des Komponisten (2007) und 2009 in Paris Juggler in Paradise von Augusta Read Thomas mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France (Dirigent: Andrey Boreyko). Neben seinen zahlreichen Orchesterengagements tritt Frank Peter Zimmermann regelmäßig als Kammermusiker auf; zu seinen Partnern hierbei zählen die Pianisten Piotr Anderszewski, Enrico Pace und Emanuel Ax; mit dem Bratscher Antoine Tamestit und dem Cellisten Christian Poltéra gründete er 2007 das Trio Zimmermann, das Einladungen u. a. zu den Salzburger Festspielen, dem Edinburgh Festival, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und dem Rheingau Musik Festival erhielt. Der Geiger wurde mit dem Rheinischen Kulturpreis (1994) und dem Musikpreis der Stadt Duisburg ausgezeichnet (2002). 2008 verlieh ihm die Bundesrepublik Deutschland das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war Frank Peter Zimmermann seit seinem Debüt im Jahr 1985 regelmäßig zu erleben, zuletzt im Mai 2014 mit dem G-Dur-Violinkonzert von W. A. Mozart.

Unitel ClassicaEine Koproduktion von Berlin Phil Media und Unitel

Testen Sie die Digital Concert Hall

Testen Sie die Digital Concert Hall

Sehen Sie ein Konzert mit Symphonien von Schumann und Brahms, dirigiert von Sir Simon Rattle.

Kostenloses Konzert ansehen