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23. Apr 2016

Berliner Philharmoniker
Tugan Sokhiev

Jean-Yves Thibaudet

  • Gabriel Fauré
    Pelléas et Mélisande, Orchestersuite op. 80 (20 Min.)

  • Maurice Ravel
    Konzert für Klavier und Orchester G-Dur (27 Min.)

    Jean-Yves Thibaudet Klavier

  • César Franck
    Symphonie d-Moll (41 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Jean-Yves Thibaudet im Gespräch mit Andreas Ottensamer (17 Min.)

»Unglücklicherweise«, sagt Tugan Sokhiev, »werden Dirigenten mit Klischees überhäuft, nicht nur wir russischen. Italienische Dirigenten sollen zunächst mal italienisches Repertoire dirigieren können, deutsche Dirigenten deutsche Stücke. Warum eigentlich? Wenn ich etwas Besonderes zu russischer Musik zu sagen habe, dann aufgrund meiner sehr tiefen Beziehungen zu einem bestimmten Stück. Aber ich kann zu einem Brahms oder Strauss vielleicht genauso viel sagen.« Und zu Werken des französischen Repertoires, mit denen Tugan Sokhiev bei den Berliner Philharmonikern zu Gast ist!

Auf dem Programm steht Gabriel Faurés Pelléas et Mélisande – eine 1898 entstandene Orchestersuite aus der Bühnenmusik zu Maurice Maeterlincks gleichnamigem symbolistischen Drama, deren modale Harmonik der Archaik der Handlung voll und ganz entspricht. Seine endgültige Gestalt erhielt die Suite allerdings erst rund 20 Jahre nach ihrer Entstehung, da sie Fauré um die in der Schauspielmusik an fünfter Stelle stehende Sicilienne erweiterte. In dieser Form avancierte Pelléas et Mélisande zu einem der meistgespielten Fauré-Stücke, wobei die ursprüngliche Schauspielmusik auch weiterhin für Aufführungen des Dramas Verwendung findet.

Außerdem widmet sich in diesem Konzerte Jean-Yves Thibaudet, »surely the coolest pianist on the planet« (The Herald), Maurice Ravels G-Dur-Klavierkonzert – einer vor Esprit nur so sprühenden Musik, in der flirrende Klangkaskaden, »verschnupfte Einwürfe des Jazz« (Alexis Roland-Manuel), synkopische Akzente und dreinfahrende Fanfarenklänge in pulsierender Bewegung durcheinanderwirbeln. Nach der Pause präsentiert Tugan Sokhiev seine Lesart von César Francks d-Moll-Symphonie, in deren Kopfsatz der französische Komponist seine Hörer mit einer zwischen d-Moll und f-Moll changierenden »doppelten Tonalität« aufs harmonische Glatteis führt, in der langsamer Satz und Scherzo zu einem einzigen Allegretto verschmolzen werden und deren Finale im Sinne der französischen »forme cyclique« reprisenartig die in den vorherigen Sätzen exponierten Themen wieder aufgreift.

Musik aus Frankreich von Gabriel Fauré, Maurice Ravel und César Franck

Gabriel Fauré: Pelléas et Mélisande, Suite op. 50

Das 1892 entstandene Schauspiel Pelléas et Mélisande von Maurice Maeterlinck gilt als Musterbeispiel und Höhepunkt des Symbolismus, jener im späten 19. Jahrhundert in Frankreich entstandenen literarischen Richtung, die sich als Gegenströmung zu Realismus und Naturalismus verstand. Die Symbolisten wandten sich gegen »klaren Sinn, Deklamationen, falsche Sentimentalität und sachliche Beschreibung« (Manifest Le symbolisme von Jean Moréas), sie wollten eine eigene Kunstwelt schaffen. Ihr Schaffen begriffen sie als Wort-Kunst mit Lautmalerei und -symbolik sowie einer von Musikalität geprägten Sprache; gleichwohl wollten sie »das Ideal in erkennbare Form kleiden«. In Maeterlincks Tragödie ist nicht das erzählte Geschehen das Entscheidende, sondern die Charakterisierung der inneren Welt, der psychischen Realität und der Psycho-Logik der handelnden Personen. Dabei ist viel Vages im Spiel, es wird mit Andeutungen und Stimmungen gearbeitet, es gibt keine dramaturgisch durchstrukturierte Handlung. Das eigentliche Thema ist, wie in Wagners Tristan und Isolde,eine unmögliche Liebe – eine, die der Konvention zuwider läuft und auf Erden nicht ihre Erfüllung finden kann.

Der Erste, der sich des Sujets musikalisch annahm, war Gabriel Fauré: Während eines London-Aufenthalts ließ er sich 1898 von der bekannten britischen Schauspielerin Mrs. Patrick (eigentlich Beatrice Stella) Campbell dafür gewinnen, anlässlich der britischen Erstaufführung von Maeterlincks Schauspiel eine Bühnenmusik zu schreiben. Dem Komponisten blieb für die Arbeit nur ein knapper Monat, er musste ökonomisch arbeiten. So griff er beispielsweise auf vorhandenes Material zurück wie die 1893 für Molières Schauspiel Le Bourgeois gentilhomme entstandene Sicilienne. Außerdem erstellte Fauré nur das Particell, also eine Skizze der Orchesterfassung, und überließ die ihm stets lästige Arbeit des Instrumentierens seinem Schüler Charles Koechlin. Aus den 19 Teilen der Bühnenmusik destillierte Fauré eine aus Prélude, LaFileuse und Entr’acte bestehende Suite, die am 3. Februar 1901 in Paris uraufgeführt wurde. Erst 20 Jahre später fügte er die Sicilienne als Nr. 3 hinzu, und in dieser vierteiligen Form ist die Zusammenstellung heute üblicherweise im Konzertsaal zu hören. Die im Wesentlichen ruhige, undramatische Musik fängt die geheimnisvolle und unbestimmte Atmosphäre von Maeterlincks Drama sehr gut ein, desgleichen seine Vieldeutigkeit.

Maurice Ravel: Klavierkonzert G-Dur

1928 reiste Maurice Ravel die Vereinigten Staaten und gab dort innerhalb von vier Monaten ungefähr 30 Konzerte als Pianist. Aufgrund des großen Erfolgs beschloss er, erneut in den USA zu konzertieren. Für diese zweite Tournee, die allerdings nicht zustande kommen sollte, plante er ein Klavierkonzert und dessen Erstaufführung. Zunächst aber besuchte er im folgenden Jahr zum ersten Mal Spanien, jenes Land, das in seiner Musik eine so bedeutende Rolle spielt. Im selben Jahr ehrte ihn seine Heimatstadt, das im französischen Baskenland gelegene Ciboure, mit der Umbenennung einer Straße in »Quai Ravel«, und im Badeort Biarritz wurde zu seinen Ehren ein Festival veranstaltet. 1929 erhielt er außerdem einen Kompositionsauftrag: Der österreichische Pianist Paul Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg den rechten Arm verloren hatte, bat ihn um ein Klavierkonzert für die linke Hand. Ravel reizte das parallele Arbeiten an zwei Werken und er komponierte nach langer Zeit erstmals wieder für »sein« Instrument, das Klavier. 1931 waren beide Partituren fertiggestellt.

Das G-Dur-Konzert erinnert stellenweise an Igor Strawinsky und George Gershwin, es hat Züge baskischer und spanischer Musik, ist andererseits aber sehr klassisch und teilweise kammermusikalisch angelegt. In der Exposition des Kopfsatzes kommen allein fünf Themen vor: ein »baskisches«, ein »spanisches« sowie drei »Jazz«-Themen. Aufgrund ihrer Bitonalität hat die mit einem Peitschenschlag beginnende Eröffnung eine gewisse Schärfe. Ostinato-Passagen im Klavierpart verstärken diesen Eindruck. Vor der Solo-Kadenz des Pianisten treten zuerst der Spieler der Harfe und danach die Holzbläser mit harfenähnlichen Läufen solistisch hervor.

Im zweiten Satz dominieren, ähnlich wie in Mozarts Klavierkonzert c-Moll KV 491, zwei »Solisten«: der Pianist und die Holzbläser. Dieses Adagio assai ist auf weiten Strecken mehr ein Solo-Satz für Klavier mit instrumentaler Begleitung. Über sein klassisches Vorbild gibt es unterschiedliche Versionen: Der Komponist selbst verwies auf Mozarts Klarinettenquintett KV 581 als Modell, andere Autoren fühlten sich hier beispielsweise. an den Beginn der Ballade für Klavier und Orchester op. 19 von Gabriel Fauré erinnert. Das ausgedehnte Anfangsthema, ebenso schlicht wie innig, wird in einem Dialog zwischen Englischhorn und Klavier teilweise wieder aufgenommen und erklingt auch in der Scheinkadenz des Satzes noch einmal, jetzt von gedämpften Streichern gespielt.

Das Finale ist ein schnelles, launig ausgelassenes Presto in Rondoform. Es beginnt mit Trommel und Fanfare. Drei Themen werden exponiert: ein erstes, wie ein gellender Pfiff, ein zweites, synkopisches und ein drittes, marschartiges. Die Durchführung weist reiche Figurationen in Streichern und Fagotten auf. In der verkürzten Reprise werden die Themen des Anfangs schnell wechselnd in jeweils anderer Orchestrierung vorgeführt. Der Satz schließt so furios, wie er begann.

César Franck: Symphonie d-Moll

César Franck, dessen Hauptinstrument die Orgel war, verfasste seine wesentlichen Kompositionen im letzten Viertel seines Lebens, besonders in den Jahren von 1875 an. Neben Opern und geistlicher Musik entstehen eine größere Anzahl von Orgelwerken und Kammermusiken sowie die Klavierquintette, die Violinsonate und das Streichquartett. Im symphonischen Bereich sind Les Djinns, die Variations symphoniques für Klavier und Orchester, die Symphonischen Dichtungen Les Éolides, Le Chasseur maudit (nach Bürgers Ballade Der wilde Jäger), Psyché und schließlich die Symphonie d-Moll zu nennen. Dieses Werk, das der Komponist seinem Schüler Henri Duparc widmete, darf als besonders gelungenes Zeugnis zyklischer Formbildung gelten. Als thematische Keimzelle liegt dem Werk ein »Motto« zugrunde, das in allen Sätzen verarbeitet wird. Wie die Zeitgenossen Johannes Brahms (Erste Symphonie) und Peter Tschaikowsky (Vierte Symphonie) folgt Franck dem großen Vorbild Beethoven, wenn er wie jener seine Fünfte und Neunte den eigenen Gattungsbeitrag ebenfalls mit einem Dur-Finale schließen lässt.

Mit einem schweren, »fragenden« dreitönigen Motiv in den Celli und Bässen und der »Antwort« in den Holzbläsern beginnt die Symphonie (Lento). Es folgt ein Allegro non troppo mit dem mottoartigen Hauptthema. Zwischen Exposition und Durchführung wiederholt Franck den gesamten ersten Teil, freilich von d-Moll nach f-Moll transponiert. Das Lento-Thema wird anschließend noch einmal in der Reprise und am Ende des Satzes aufgegriffen. Das Allegretto im Zentrum der Symphonie fungiert als Kombination von langsamem Satz und Scherzo. Es beginnt mit den Aufrissen eines Themas in der Harfe und in den gezupften Streichern. Nach 16 Takten wird über einem Kontrapunkt der Bratschen ein anmutig-elegisches Englischhorn-Thema eingeführt, dem sich ein scherzoartiges Trio der Streicher anschließt. Im Finale verzichtet der Komponist auf die Demonstration kontrapunktischer Kunststücke und reiht stattdessen thematisches Material aneinander, verknüpft es und nimmt die vorangegangenen Hauptthemen der Symphonie rückläufig wieder auf. Der Satz beginnt nach einer kurzen, prägnanten Einleitung mit dem D-Dur-Thema in den Fagotten und Celli, deutlich erkennbar als Ableitung aus dem zweiten Teil des Kernmotivs. Eine chromatische Passage der Streicher leitet die Wiederkehr des Englischhorn-Themas aus dem zweiten Satz ein. Ein sich nach und nach aufbauendes Orchestertutti beendet das Werk.

Helge Grünewald

Tugan Sokhiev stammt aus Wladikawkas, der Hauptstadt Nordossetiens, studierte bei Ilya Musin am St. Petersburger Konservatorium und besuchte Dirigierklassen von Yuri Temirkanov. 2000 gewann er den Hauptpreis des Dritten Internationalen Prokofjew-Wettbewerbs und wurde daraufhin Chefdirigent des Staatlichen Russischen Symphonieorchesters sowie Künstlerischer Direktor der Staatlichen Philharmonie von Nordossetien. Seit Herbst 2008 ist Tugan Sokhiev Musikdirektor des Orchestre du Capitole de Toulouse, dem er zuvor bereits drei Jahre lang als Erster Gastdirigent und Künstlerischer Berater verbunden gewesen war. Mit Beginn der Saison 2012/2013 übernahm er das Amt des Chefdirigenten und Künstlerischen Leiters beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, im Januar 2014 wurde er zudem zum Musikdirektor des Bolschoi-Theaters und als Chefdirigent des Bolschoi-Orchesters in Moskau berufen. Dem Mariinsky-Theater in St. Petersburg und dem Londoner Philharmonia Orchestra in enger künstlerischer Partnerschaft verbunden, ist Tugan Sokhiev darüber hinaus ein weltweit begehrter Gastdirigent führender Opernhäuser und Orchester. Seine Debüts am Pult der Wiener und der Berliner Philharmoniker 2009 bzw. Anfang 2010 führten unmittelbar zu Wiedereinladungen; in den letzten Spielzeiten debütierte er mit großem Erfolg beim Chicago Symphony Orchestra, London Symphony Orchestra, Philadelphia Orchestra und Gewandhausorchester Leipzig. Am Pult der Berliner Philharmoniker war Tugan Sokhiev zuletzt im Dezember 2014 zu erleben; auf dem Programm standen Werke von Ljadow, Prokofjew und Schostakowitsch.

Jean Yves Thibaudet entstammt einem musikalischen, französisch-deutschen Elternhaus und wurde in Lyon geboren. Fünfjährig erhielt er den ersten Klavierunterricht, mit sieben gab er sein öffentliches Konzert-Debüt und im Alter von zwölf Jahren begann er bei Aldo Ciccolini und Lucette Descaves am Conservatoire de Paris Klavier zu studieren. Als 15-Jähriger gewann Jean Yves Thibaudet den Premier Prix du Conservatoire und drei Jahre später die Young Concert Artists Auditions in New York City. Heute zählt er zu den begehrtesten Pianisten unserer Zeit, der als Konzertsolist und als sensibler Begleiter eine große Anhängerschaft in aller Welt gewonnen hat. In dieser Spielzeit ist Jean Yves Thibaudet Artist in Residence des Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, des Seattle Symphony Orchestra sowie der Colburn School of Music in Los Angeles ist. Er hat über 50 CDs eingespielt, von denen viele mit renommierten Preisen ausgezeichnet wurden (Diapason d’Or, Choc du Monde de la Musique, Gramophone Award, Echo Award u.a.). Im Jahr 2007 erhielt der Musiker die höchste Auszeichnung von Frankreichs »Victoires de la Musique« für sein Lebenswerk; 2012 wurde ihm vom französische Kultusministerium zudem der Titel »Officier de lʼOrdre des Arts et des Lettres« verliehen. In den Konzerten der Berliner Philharmoniker war Jean-Yves Thibaudet erstmals im Dezember 1996 im Rahmen eines Liederabends mit Cecilia Bartoli zu erleben; bei dem Orchester selbst gastierte er zuletzt im Februar 2003 als Solist in Maurice Ravels Klavierkonzert für die linke Hand, Dirigent war Mikko Franck.

Jean-Yves Thibaudet records exclusively for Decca Records.

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