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03. Dez 2016

Berliner Philharmoniker
Alan Gilbert

Frank Peter Zimmermann

  • John Adams
    Short Ride in a Fast Machine (5 Min.)

  • Béla Bartók
    Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 Sz 112 (39 Min.)

    Frank Peter Zimmermann Violine

  • John Adams
    Lollapalooza für Orchester (7 Min.)

  • Peter Tschaikowsky
    Symphonie Nr. 4 f-Moll op. 36 (48 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Alan Gilbert im Gespräch mit Andreas Ottensamer (18 Min.)

Als Alan Gilbert, damals Chefdirigent des Königlichen Philharmonischen Orchesters Stockholm, zur Spielzeit 2009/2010 zum Music Director des New York Philharmonic Orchestra berufen wurde, kam das für viele überraschend. Schließlich war der gebürtige New Yorker der jüngste Chefdirigent an der Spitze des Orchesters und seit Leonard Bernstein der erste Amerikaner auf diesem renommierten Posten der Musikwelt. Am Pult der Berliner Philharmoniker stand Alan Gilbert erstmals im Februar 2006 und wirkte auch bei seinen späteren philharmonischen Konzerten laut Urteil der Berliner Morgenpost stets wie ein »strahlender Gewinner«. »Ich hatte«, so der unprätentiöse Maestro, »das Glück, eine Zeit lang von Bernstein lernen zu dürfen. Mehr noch als sein Stil hat mich sein Enthusiasmus geprägt. Seine Liebe zur Musik und zu den Menschen – was für ihn das Gleiche war – ist ein ganz wichtiger Einfluss gewesen.«

Bei seinem diesjährigen Gastspiel in Berlin wird sich Alan Gilbert zwei Werken des diesjährigen Residenzkomponisten John Adams widmen: Adams’ Short Ride in a Fast Machine, einem Werk, in dem die Musik mit rhythmisch pulsierender Kraft den Raum durchströmt und in lichter Instrumentation die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft zu setzen scheint; weiterhin zu hören ist Lollapalooza für großes Symphonieorchester, das als Geschenk zum 40. Geburtstag von Sir Simon Rattle entstand: Die sich immer wieder neu überlagernden Motive und vertrackten Rhythmen machen diese Musik zu einem mitreißenden Furioso bis zum letzten Paukenschlag. Mit Béla Bartóks Zweitem Violinkonzert steht dann ein lyrisches Werk auf dem Programm, das »warm strömende, glücklich singende Melodien« enthält und »von einem geradezu jugendlichen Feuer beschwingt« ist. (György Kroó) Solist ist Frank Peter Zimmermann, einer der profiliertesten Violinisten der Gegenwart, der für sein brillantes Spiel weltweit bekannt ist – voller Eleganz, Leichtigkeit, intensiver Strahlkraft und geschmackvoll dosiertem Vibrato: »Das Zweite Konzert von Bartók mit einem hervorragenden Orchester zu spielen, ist eine unglaubliche Erfüllung.«

Abgerundet wird der Abend mit der Vierten Symphonie von Peter Tschaikowsky, in der es dem Komponisten in den Worten des renommierten Musikkritikers Hermann Laroche kunstvoll gelang, »das Tragische mit der Sorglosigkeit ballettartiger Rhythmen zu verknüpfen«. Tschaikowsky selbst bezeichnete die bedrohlich wirkende Bläserfanfare zu Beginn als »Samenkorn« der ganzen Symphonie: »Das ist das Fatum, die verhängnisvolle Macht, die unser Streben nach Glück verhindert.«

Orchesterwerke von John Adams, Béla Bartók und Peter Tschaikowsky

Atemraubend und beeindruckend: Zwei Orchesterkompositionen von John Adams

Der 1947 geborene John Adams – mit Steve Reich und Philip Glass ein herausragender Exponent der Minimal Music – ist in dieser Spielzeit Composer in Residence des Orchesters. Mitte September hat er bereits an zwei Abenden eigene Werke dirigiert. Nun präsentieren Alan Gilbert und die Berliner Philharmoniker zwei sehr kurze Kompositionen von ihm: Short Ride in a Fast Machine und Lollapalooza.

Short Ride in a Fast Machine (1986) trägt die charakteristischen Kennzeichen der Minimal Music: einen durchgehenden Puls, die Wiederholung gewisser Muster und dazu eine von der Konsonanz geprägte Harmonie. Das im Gestus wilde, brillant instrumentierte Werk beginnt delirando. Über dem hartnäckigen Rhythmus der Woodblocks (Adams spricht von »sadistisch«!) spielen die Blechbläser eine synkopierte Figur. Holzbläser und Streicher treten mit ungleichen, ebenfalls synkopierten Rhythmen hinzu. Der Mittelteil ist leichter, seine Faktur transparenter. Doch schließlich endet das Stück so wild, wie es begann. Auf die Frage nach der Bedeutung des Titels meinte der Komponist: »Wissen Sie, wie es ist, wenn Sie zu einer Fahrt in einem fantastischen Sportwagen eingeladen werden, und am Ende wünschen Sie sich, Sie wären nie eingestiegen?«

Lollapalooza komponierte Adams 1995 zum 40. Geburtstag von Sir Simon Rattle. Die genaue Bedeutung des Worts ist ebenso unklar wie seine etymologische Herkunft. Vermutlich kam es an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auf und meint so viel wie »etwas außerordentlich Beeindruckendes«. Für Adams bezeichnet es etwas Großes, Ausgefallenes, Überdimensioniertes, »dabei nicht übermäßig Edles«. Seine Unbestimmtheit mache wohl auch seine Popularität als archetypisches amerikanisches Wort aus.

Adams schrieb in kurzen Erläuterungen zu der Komposition, er sei vom inneren Rhythmus des Wortes Lollapalooza »da-da-da-DAAH-da« angezogen worden: »Daher wird das Wort in meinem Stück von den Posaunen und der Tuba auch als eine Art idée fixe buchstabiert: c-c-c-es-c (mit einem Schwerpunkt auf dem es). Dieses ›Lollapalooza‹-Motiv ist aber nur eines in der Fülle weiterer Motive, die sich alle in einer repetitiven Kette von Ereignissen entwickeln und auch den tanzenden Koloss bewegen, bis dieser in einem letzten Ruf der Hörner und Posaunen und mit einem mächtigen Schlag von Pauke und großer Trommel endet.«

Kantabilität und großer Ton: Béla Bartóks Zweites Violinkonzert

Béla Bartóks Zweites Violinkonzert hat eine lange und komplizierte Entstehungsgeschichte. Im Herbst 1936 bat der Komponist seinen Verlag, ihm die Partituren verschiedener Violinkonzerte zuzusenden, woraufhin ihm die Universal-Edition die Konzerte von Kurt Weill, Karol Szymanowski und Alban Berg schickte. Bald darauf erging an ihn der Wunsch des Geigers Zoltán Székely nach einem ein Konzert für sich. Bartók begann die Komposition vermutlich im Frühjahr 1937, kam aber damit nicht recht voran. Im Juni schrieb er an seinen Verlag, er werde die Arbeit abbrechen, wenn man nicht seinem Wunsch nachkomme, Székely die ausschließlichen Aufführungsrechte zu geben. Zwar stimmte der Verlag dieser Bedingung zu, doch das Werk gedieh zunächst nicht weiter. So komponierte Bartók erst einmal die Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug, um sich nach deren Fertigstellung ganz auf das neue Konzert zu konzentrieren, das er im Herbst 1938 schließlich vollendete. Zwischen dem Abschluss des Konzerts und seiner Orchestrierung im Spätsommer 1938 komponierte Bartók noch die Kontraste für Violine, Klarinette und Klavier. Im November nahm er einen weiteren Kompositionsauftrag von Paul Sacher an, der im Sommer 1939 das Divertimento für Streicher zeitigte. Das Violinkonzert erlebte seine Premiere am 23. März 1939 in Amsterdam: Székely spielte es mit dem Concertgebouw Orchester unter der Leitung von Willem Mengelberg.

Von Anfang an dominieren Kantabilität und großer Ton in diesem Konzert. Harfenklänge und Geigenpizzicati leiten den ersten Satz ein, der in Sonatenform angelegt ist. Dessen im Viervierteltakt und im Rhythmus des ungarischen Tanzes Verbunkos komponiertes, singendes Thema wird im Finale wiederkehren, dort allerdings im Dreivierteltakt, sehr tänzerisch und »con spirito«. In der Solo-Kadenz des Kopfsatzes bricht Bartók aus der ihm offenbar zu eng gewordenen Tonalität aus: Er experimentiert mit Vierteltönen, im Calmo-Thema mit in einer »Art von Zwölfton-Thema, aber mit ausgesprochener Tonalität« (Bartók). Der langsame Satz ist der einzige große Variationssatz in Bartóks Œuvre. In der ersten Variation verwendet Bartók die Pauke als ein Melodie-Instrument, das dieselbe Stimme wie die gezupften Kontrabässe spielt. In der Variation Nr. 2 wird das Thema zerlegt, seine Teile erfahren in den Stimmen von Harfe, Holzbläsern und Celesta eine Verschmelzung; die Nr. 3 ist rhythmisch geprägt, in der Nr. 4 wandert das Thema vom Solisten zu den tiefen Streichern, die Violine umspielt es mit Trillern und Verzierungen. Die fünfte Variation (Scherzando) bietet Farbigkeit mit Harfenglissandi, Einwürfen der Piccoloflöte, der kleinen Trommel und des Triangels; die abschließende sechste ist tänzerisch angelegt. Das Finale in Rondoform gibt sich freier und im Charakter rhapsodisch, hier dominieren rhythmische Kraft und Schwung. Dieser Satz variiert oder paraphrasiert nicht den ersten, sondern übersteigert ihn gleichsam. Für die letzten Takte des Werks schrieb Bartók zwei Versionen: eine erste, die fast ausschließlich dem Orchester zugedacht ist, und – auf Wunsch von Székely – eine effektvolle, solistisch brillante zweite, die auch in diesen Konzerten erklingt.

Hommage an die beste Freundin: Peter Tschaikowskys Vierte Symphonie

1877 machte Peter Tschaikowsky die Bekanntschaft Nadeschda von Mecks, der Witwe eines baltendeutschen Eisenbahnindustriellen – eine merkwürdige Beziehung, die rund anderthalb Jahrzehnte dauerte, in der beide Protagonisten aber fast ausschließlich brieflich miteinander verkehrten und die persönliche Begegnung mieden. Die Korrespondenz zwischen Tschaikowsky und seiner Gönnerin ist nicht nur biografisches Zeugnis, sondern enthält auch Einzelheiten über Pläne und Arbeiten an Werken sowie Erläuterungen von Kompositionen.

Im Briefwechsel mit Nadeschda von Meck nannte Tschaikowsky die Vierte »unsere Symphonie«; sie ist überdies das einzige Werk, dessen Inhalt der Komponist selbst mit Worten charakterisierte. So sollen die Anfangstakte des ersten Satzes für das »Fatum« stehen, »jene verhängnisvolle Macht, die unser Streben nach Glück hindert, sein Ziel zu erreichen. Diese Macht ist überwältigend und unbesiegbar. Es bleibt nichts übrig, als sich ihr zu unterwerfen und erfolglos zu klagen.« Das zweite Thema des Kopfsatzes führt zu Traumseligkeit; dem Komponisten schwebte ein »strahlendes, glücksverheißendes Menschenwesen« vor. Doch auch hier fährt das Fatum wieder dazwischen: »Du wirst von Wellen hin- und hergeworfen, bis dich das Meer verschlingt.« Im folgenden Andantino in modo di canzona herrscht eine ganz andere Stimmung: »Es ist jenes melancholische Gefühl, welches einem vorschwebt, wenn man abends allein zu Hause sitzt, erschöpft von der Arbeit; das Buch, welches man zum Lesen genommen hat, ist den Händen entglitten; ein ganzer Schwarm von Erinnerungen taucht auf.« – Der dritte Satz entbehrt eines bestimmten Gefühls, scheint ganz vom Spielerischen geprägt. Lebensbejahend schließt das Werk: »Freue dich an der Freude der anderen, und du kannst leben.« Das Schicksal mag zwar noch drohen, gewinnt aber nicht mehr die Oberhand. Die Äußerungen Tschaikowskys sind widersprüchlich. Er selbst kennzeichnete sie sogar als unklar und betonte, die Eigenart instrumentaler Musik sei es, sich der Analyse (mit Worten) zu widersetzen. Er begriff die Symphonie als lyrischste der musikalischen Formen und fragte: »Muss sie nicht all das ausdrücken, wofür es keine Worte gibt, was aber aus der Seele hervordrängt und ausgesprochen sein will?«

Helge Grünewald

Alan Gilbert ist seit Beginn der Saison 2009/2010 Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra, dessen Leitung er als erster gebürtiger New Yorker sowie als jüngster Dirigent in der Geschichte des Orchesters übernahm. Frühzeitig von seinen Eltern im Violinspiel unterrichtet, studierte Gilbert zunächst Komposition in Harvard und Violine am New England Conservatory of Music. Nach der Fortsetzung seiner Ausbildung am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie an der Juilliard School in New York arbeitete er mehrere Jahre als Geiger und Bratscher, bevor er 1995 ans Dirigentenpult wechselte. Von Januar 2000 bis Juni 2008 war Alan Gilbert Chefdirigent und künstlerischer Berater des Königlichen Philharmonischen Orchesters Stockholm, dem er durch die Ernennung zum Ehrendirigenten weiterhin verbunden bleibt. In den Jahren 2003 bis 2006 stand er als Musikdirektor an der Spitze der Santa Fe Opera, von 2004 anwar er für mehr als zehn Jahre Erster Gastdirigent des NDR Sinfonieorchesters. Alan Gilbert hat Produktionen an führenden Opernhäusern geleitet und ist u. a. mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France, dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam und dem London Symphony Orchestra sowie mit den wichtigsten amerikanischen und japanischen Orchestern aufgetreten. Die Berliner Philharmoniker dirigierte Alan Gilbert erstmals im Februar 2006; zuletzt stand er Ende November 2014 mit Werken von Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy und Carl Nielsen bei ihnen am Pult. 2009 übernahm Alan Gilbert an der Juilliard School den neu geschaffenen William-Schuman-Lehrstuhl für Musikalische Studien, seit 2011 ist er dort außerdem Leiter des Studiengangs Dirigieren. Zu den zahlreichen Auszeichnungen des Musikers zählen die Aufnahme in die Königlich Schwedische Musikakademie; die Ehrendoktorwürde des Curtis Institute of Music und die Aufnahme in die American Academy of Arts & Sciences aufgenommen. Überdies ist Alan Gilbert »Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres« der Republik Frankreich und Träger der Foreign Policy Association Medal.

Frank Peter Zimmermann, 1965 in Duisburg geboren, erhielt als Fünfjähriger ersten Violinunterricht. Im Alter von zehn Jahren gab er bereits sein erstes Konzert mit Orchester. Nach Studien bei Valery Gradow, Saschko Gawriloff und Hermann Krebbers begann 1983 seine steile Karriere, die ihn als Solisten mit vielen Spitzenorchestern und renommierten Dirigenten zusammenführte (zuletzt u. a. mit Alan Gilbert, Manfred Honeck und Kirill Petrenko). Vier Violinkonzerte brachte der Musiker bisher zur Uraufführung: Matthias Pintschers en sourdine mit den Berliner Philharmonikern (2003, Dirigent: Peter Eötvös), Brett Deans The Lost Art of Letter Writing mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter der Leitung des Komponisten (2007), Juggler in Paradise von Augusta Read Thomas in Paris mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France (2009, Dirigent: Andrey Boreyko) und im Dezember 2015 Magnus Lindbergs Zweites Violinkonzert mit Jaap van Zweden am Pult des London Philharmonic Orchestra. Im Frühjahr 2017 beginnt ein den Konzerten Johann Sebastian Bachs gewidmetes Projekt mit den Berliner Barock-Solisten, das sich über zwei Spielzeiten erstrecken wird. Neben seinen zahlreichen Orchester-Engagements arbeitet Frank Peter Zimmermann regelmäßig als Kammermusiker. Mit dem Bratscher Antoine Tamestit und dem Cellisten Christian Poltéra gründete er 2007 das Trio Zimmermann, das u. a. zu den Salzburger Festspielen, dem Edinburgh Festival, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und dem Rheingau Musik Festival eingeladen wurde. Der Geiger erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen wie den Premio dellʼ Accademia Musicale Chigiana in Siena (1990), den Musikpreis der Stadt Duisburg (2002), das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland (2008) und der Paul-Hindemith-Preis der Stadt Hanau (2010). In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war Frank Peter Zimmermann seit seinem Debüt im Jahr 1985 regelmäßig zu erleben, zuletzt Ende Januar 2016 mit der Deutschen Erstaufführung des Zweiten Violinkonzerts von Magnus Lindberg (Dirigent: Daniel Harding).

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