Benefizkonzert des Bundespräsidenten mit Zubin Mehta und Pinchas Zukerman

12. Mär 2017
Benefizkonzert des Bundespräsidenten zugunsten von UNICEF

Berliner Philharmoniker
Zubin Mehta

Pinchas Zukerman

  • Nationalhymne · Reden von Bundespräsident Joachim Gauck und dem Berliner Bürgermeister Michael Müller (23 Min.)

  • Edward Elgar
    Konzert für Violine und Orchester h-Moll op. 61 (53 Min.)

    Pinchas Zukerman Violine

  • Peter Tschaikowsky
    Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64 (54 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Pinchas Zukerman im Gespräch mit Aleksandar Ivić (12 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Die Konzerte des Bundespräsidenten – Eine Erfolgsgeschichte seit 1988 (5 Min.)

Einer seiner letzten Auftritte als Bundespräsident führt Joachim Gauck zu den Berliner Philharmonikern – als Gastgeber eines Benefizkonzerts zugunsten von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Zwei Weltstars sind seiner Einladung gefolgt mit dem Orchester aufzutreten: der Dirigent Zubin Mehta und der Geiger Pinchas Zukerman. Auf dem Programm stehen Peter Tschaikowskys Fünfte Symphonie und Edward Elgars Violinkonzert.

Kein Geringerer als Richard Strauss nannte ihn einmal den »Vorwärtsmann« der englischen Musik: den 1857 in Broadheath bei Worcester geborenen Edward Elgar. Obwohl in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen, sollte Elgar die 40 bereits hinter sich haben, als er um die Jahrhundertwende mit Kompositionen wie den Enigma-Variationen oder dem Oratorium The Dream of Gerontius allgemeine Anerkennung als Komponist errang. Die 1930 fertiggestellte Suite von Orchestermärschen Pomp and Circumstance handelte ihm in späteren Jahren dann den etwas zweifelhaften Ruf eines musikalischen Jubelpatrioten ein.

Und nachdem der mittlerweile als Grandseigneur der britischen Musik hoch geehrte Elgar 1934 verstorben war, zögerten jüngere Musiker nicht, seine Kompositionen einer feindseligen Kritik zu unterziehen: Der einstige »Vorwärtsmann« war alsbald als ein Ewiggestriger verschrien. Zu Unrecht, wie nicht zuletzt Elgars 1910 von Fritz Kreisler uraufgeführtes Violinkonzert zeigt! Ohne Zweifel steht die rund 50-minütige Komposition ganz auf den musikalischen Grundfesten der Spätromantik, doch mit welchem Elan und welcher Frische lässt Elgar noch einmal all jene kompositorischen Traditionen aufleben, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wenige Jahre später endgültig zu Grabe getragen werden sollten. Elgar selbst soll mit diesem Werk denn auch sehr zufrieden gewesen sein: »Es ist gut!«, wird er zitiert, »Schrecklich emotional – zu emotional! Aber ich liebe es!«

Ähnlich glücklich war der für seine Selbstzweifel bekannte Peter Tschaikowsky mit der Arbeit an seiner Fünften Symphonie: Das Werk »bereite ihm große Befriedigung«, schrieb er 1888 an seinen Bruder Modest. Bei der wenige Wochen später erfolgten Uraufführung blieb der erhoffte Erfolg indes aus. Die Petersburger Presse meinte, an der Partitur des Werks »trivialste Effekte« kritisieren zu müssen – und löste bei Tschaikowsky eine Schaffenskrise aus! Ihren internationalen Siegeszug trat die Fünfte erst nach einer erfolgreichen Hamburger Aufführung Anfang des Jahres 1889 an. Und nun war auch der Komponist wieder mit seiner Musik versöhnt: »Was mir am meisten gefällt, ist, dass die Symphonie aufgehört hat, mir schlecht zu gefallen, und dass ich sie von neuem liebe.« Bei diesem hoch expressiven Konzertprogramm steht mit Zubin Mehta ein langjähriger Freund und künstlerischer Weggefährte der Berliner Philharmoniker am Dirigentenpult. Der Solopart in Elgars Violinkonzert liegt bei Pinchas Zukerman in den Händen eines der ganz großen Geigenvirtuosen unserer Zeit.

Geheimste Gedanken, verschwiegene Kunst

Elgar und Tschaikowsky: Musik als Autobiografie

»Aber ich liebe es«: Edward Elgars Violinkonzert

Eine pikante Frage: Wer ist der bedeutendste Komponist der Gegenwart?, wollte die Presse vom legendären Geiger Fritz Kreisler wissen, als er im Oktober 1905 ein Gastspiel beim britischen Norwich Festival gab. »Edward Elgar«, lautete Kreislers spontane Antwort, die zumindest in Kontinentaleuropa für einige Verwunderung gesorgt haben dürfte, weilten doch zur selben Zeit auch Großmeister wie Richard Strauss und Gustav Mahler oder Claude Debussy und Maurice Ravel unter den Lebenden, die gleichermaßen Anspruch auf diesen Ehrentitel hätten erheben können. Aber Kreisler war um eine Begründung nicht verlegen: »Weder Russland noch Skandinavien noch mein Vaterland noch irgendeine andere Nation kann so jemanden hervorbringen wie ihn. Ich sage das nicht, um irgendjemandem zu gefallen; es ist schlicht meine Überzeugung. Elgar wird alle überragen. Er befindet sich auf einer anderen Ebene. Ich stelle ihn auf die gleiche Stufe mit meinen Idolen Beethoven und Brahms. Seine Einfallskraft, seine Orchestrierung, seine Harmonie, seine Größe: All das ist wundervoll. Und alles ist reine, unaffektierte Musik. Ich wünschte, Elgar würde etwas für die Violine komponieren.«

Kreisler beließ es nicht beim Wunsch allein. Er suchte den Kontakt zum Komponisten, vertraute ihm seinen Traum an, insistierte Mal um Mal und wurde immer wieder vertröstet, bis Elgar im April 1909, ausgestattet mit einem offiziellen Kompositionsauftrag der Royal Philharmonic Society, die Arbeit an seinem Violinkonzert schließlich ernsthaft aufnahm. Selbstzweifel und regelmäßig wiederkehrende depressive Verstimmungen sorgten aber dafür, dass ihm die Arbeit nur zögerlich von der Hand ging: Erst allmählich fing Elgar Feuer und stellte das Werk im August 1910 fertig, auch wenn er bis zuletzt mit dem Gedanken spielte, komplette Sätze wieder zu verwerfen. »Ich bin mir bezüglich des Andante nicht sicher & werde es für eine geraume Zeit weglegen, bevor ich entscheide, was damit passiert«, vermerkt er am 7. Februar 1910 über den mittleren Satz. Und noch am 23. Juni notiert er über das Finale: »Der letzte Satz erfüllt mich mit Entsetzen & ich kann nicht weitermachen: Er wird so lang – zu lang, fürchte ich & das bereitet mir Kopfschmerzen.«

Hört man das Violinkonzert – mit rund 50 Minuten Spieldauer in der Tat eines der längsten überhaupt – ahnt man nichts von diesen quälenden Bedenken: Es steht fest auf dem Fundament der romantischen Tradition und besticht durch eine ideale Balance zwischen Soloinstrument und Orchester. Hinreißend ist das melancholisch-sehnsüchtige Melos, das ganz vom Gesang inspiriert ist – gerade der Beginn verdeutlicht, warum Elgar zuweilen mit dem Beinamen eines »englischen Brahms« bedacht worden ist. Bedenkt man, dass 1909/1910, als das Violinkonzert entstand, Arnold Schönberg mit seinen Fünf Orchesterstücken op. 16 schon in die Gefilde der freien Atonalität vorstieß und Igor Strawinsky gerade an einem Werk wie dem Petruschka arbeitete, bei dem er dezidiert »moderne« Techniken einsetzt, dann mag Elgars Musik fast schon anachronistisch anmuten. An der Meisterschaft dieser Partitur, in der die Nostalgie zelebriert wird und der Schönheitskult eine späte, prachtvolle Blüte treibt, ändert dieser Befund jedoch nichts. »Es ist gut! schrecklich gefühlvoll! allzu gefühlvoll, aber ich liebe es«, gestand Elgar einem Freund.

»Die verhängnisvolle Macht«: Peter Tschaikowskys Fünfte Symphonie

An eine »Seelenbeichte« erinnert die Fünfte Symphonie von Peter Tschaikowsky, doch brauchte jener längere Zeit, um ein positives Verhältnis zu seinem Werk zu gewinnen. Schon als er Ende Mai 1888 die Arbeit begann, tat er sich schwer damit: »Ich fange jetzt langsam und mit Mühe an, eine Symphonie aus meinem abgestumpften Gehirn herauszuquetschen«, berichtete er seinem Bruder Modest. Dass es ihm glückte, die großangelegte Partitur binnen dreier Monate abzuschließen, steht allerdings in merkwürdigem Kontrast zu dieser Aussage, und tatsächlich gelangte Tschaikowsky zwischenzeitlich auch zu einer positiveren Einschätzung: »Mir scheint, die Symphonie ist nicht misslungen«, vermeldete er nach Fertigstellung erleichtert an seine Gönnerin Nadeschda von Meck. Als die von ihm am 17. November in St. Petersburg dirigierte Uraufführung jedoch nicht zum gewünschten Erfolg führte, sondern ihm schlechte Kritiken eintrug, änderte der Komponist sein Urteil wieder und fürchtete gar, sich »schon ausgeschrieben« zu haben. Erst nachdem Tschaikowsky im März 1889 zwei weitere Aufführungen in Hamburg geleitet hatte, stellte er fest, das Werk doch »wieder liebgewonnen« zu haben.

Tschaikowsky fehlte die Kraft zur Selbstbehauptung, glaubte stattdessen an das unausweichliche Schicksal, »die verhängnisvolle Macht, die unser Streben nach Glück verhindert.« Dass Tschaikowsky eine Antwort darauf schuldig blieb, was er mit dem »Fatum« konkret meinte, lässt erahnen, wie delikat die Angelegenheit für ihn war. Als sein Schicksal empfand er fraglos seine Homosexualität, denn im zaristischen Russland drohte ihm dafür mehrjährige Verbannung. Nur der Musik konnte er seine geheimsten Gedanken und Nöte anvertrauen – und genau daraus resultiert der radikal subjektive Charakter seiner Kunst.

In sein Tagebuch hat Tschaikowsky ein paar Grundgedanken zur Fünften Symphonie notiert. Darin beschreibt er die Einleitung zum ersten Satz mit den Worten: »Vollständiges Sich-Beugen vor dem Schicksal oder, was dasselbe ist, vor dem unergründlichen Walten der Vorsehung.« Düster und bedrohlich ist diese Macht: Tschaikowsky spiegelt sie in den ersten Takten durch die Klarinetten, die in tiefer Lage spielen, pessimistisch und niedergeschlagen im Ausdruck. Dieses Schicksalsthema begegnet uns dann in allen vier Sätzen der Symphonie wieder, doch erlebt es dabei erstaunliche Metamorphosen. Seine ganze Unbarmherzigkeit eröffnet es im zweiten Satz, dessen wunderbare instrumentale Dialoge fast schon an ein Liebesduett erinnern – dazu passt auch die Spielanweisung »con desiderio e passione« (»mit Begehren und Leidenschaft«). »Consolation / Ein Lichtstrahl? – Nein, keine Hoffnung«, vermerkt Tschaikowsky dazu. Und dieses »Nein« reizt er musikalisch durch die Wiederkehr des Schicksalsgedankens in einer martialischen Variante aus, die an zwei Stellen mit ungeheurer Gewalt hereinbricht und das Idyll durchkreuzt.

Auch im Walzer an dritter Position, vergisst Tschaikowsky sein Schicksalsthema nicht – gegen Ende wird es von Klarinetten und Hörnern unisono vorgetragen, allerdings verhalten und im Piano, wie entschärft. Mit dem Finale aber nimmt das Fatum noch einmal neue Gestalt an, das Thema wird scheinbar ins Positive gewendet als energiegeladener Marsch, der ganz zum Schluss, in der Coda, sogar an einen Triumphzug erinnert. Welcher Dämon sich hinter der Maske verbirgt, ist gleichwohl unschwer zu erkennen. Tschaikowsky griff bei dieser Verwandlung auf ein probates Rezept aus der Musikgeschichte zurück, das Ludwig van Beethoven in seiner Fünften, bekanntlich ebenfalls einer Schicksalssymphonie, entwickelt hatte: die Wendung einer tragischen Grundstimmung ins Positive, von Moll nach Dur. Doch passt dieses Denken wirklich zu Tschaikowsky, der hier auch noch ostentativ ein und dasselbe Thema verwendet, um es »ans Licht« zu führen?

Fünf Jahre später sollte der Komponist diese Frage beantworten, mit seiner Sechsten Symphonie, der Pathétique, in der es noch einmal um das Schicksal geht. Dort aber erstirbt die Musik im Finale, sie verlöscht, als habe die letzte Stunde des Helden geschlagen. Vielleicht war es kein Zufall, dass Tschaikowsky nur wenige Tage nach der Uraufführung verstarb; ob er Opfer einer Cholera-Epidemie wurde oder sich das Leben genommen hat, ist bis heute nicht geklärt. Bezieht man diese Entwicklung aber in die Interpretation der Fünften Symphonie mit ein, steht hinter der vermeintlich siegreichen Schlusscoda ein großes Fragezeichen – der Marschrhythmus erscheint aus diesem Blickwinkel als zwanghaft, Dur hin oder her. Das Schicksal hat sich in seiner ganzen Gewalt offenbart, ein Aufbegehren bleibt zwecklos.

Susanne Stähr

Unterstützen Sie die Arbeit von UNICEF für Kinder in Not mit einer Spende unter
www.unicef.de/konzert
 
Die Berliner Philharmoniker sind internationaler UNICEF-Botschafter

Jetzt ansehen

Testen Sie die Digital Concert Hall

Testen Sie die Digital Concert Hall

Sehen Sie ein Konzert mit Symphonien von Ludwig van Beethoven, dirigiert von Sir Simon Rattle.

Kostenloses Konzert ansehen