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Zubin Mehta dirigiert Saint-Saëns’ »Orgelsymphonie«

26. Sep 2015

Berliner Philharmoniker
Zubin Mehta

Gil Shaham

  • Franz Schmidt
    Notre Dame: Zwischenspiel aus der Oper (10 Min.)

  • Erich Wolfgang Korngold
    Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 (35 Min.)

    Gil Shaham Violine

  • Camille Saint-Saëns
    Symphonie Nr. 3 c-Moll op. 78 »Orgelsymphonie« (42 Min.)

    Thierry Escaich Orgel

  • kostenlos

    Interview
    Gil Shaham im Gespräch mit Julia Gartemann (16 Min.)

Zubin Mehta, seit 1961 regelmäßiger Gast der Berliner Philharmoniker, versteht es immer wieder, das Berliner Publikum mit Neuem zu überraschen: So eröffnet er dieses Programm mit dem Zwischenspiel aus der heute relativ unbekannten Oper Notre Dame von Franz Schmidt, die nach Victor Hugos berühmten Roman Der Glöckner von Notre-Dame entstand. Das Werk gehört zu den großen Erfolgen des in Wien wirkenden Cellisten, Pädagogen und Komponisten. Obwohl Vertreter einer spätromantischen Musikästhetik erfreute sich Schmidt der Wertschätzung auch von so avantgardistischen Komponisten wie Arnold Schönberg.

Erich Wolfgang Korngold, aus derselben Wiener Musiktradition kommend wie Schmidt, pflegte Zeit seines Lebens ebenfalls eine spätromantische Klangsprache. Das prädestinierte ihn zu einer höchst erfolgreichen Tätigkeit als Filmkomponist, die nicht ohne Einfluss auf sein restliches Schaffen blieb: Denn bei der Komposition seines 1945 entstandenen Violinkonzerts griff Korngold auf Themen aus früheren Filmmusiken zurück. Solist des Konzerts ist Gil Shaham, der 1988 als 17-Jähriger bei den Berliner Philharmonikern debütierte und seither fast alle großen Violinkonzerte mit dem Orchester aufführte.

Den Abschluss des Programms bildet ebenfalls ein spätromantisches Werk: Camille Saint-Saëns’ Dritte Symphonie – die Orgelsymphonie. Der Komponist entwickelte die Themen der vier Sätze aus der mittelalterlichen Totensequenz »Dies irae«. Dies und der Einsatz der Orgel im Finalsatz verleihen dem Werk eine monumentale Wucht und Größe. Die Orgel spielt Thierry Escaich. Der französische Komponist, Professor am Pariser Conservatoire und Titularorganist an der Pfarrkirche Saint-Étienne-du-Mont gibt in diesem Konzert sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern.

Kino im Kopf

Anmerkungen zu Werken von Franz Schmidt, Erich Wolfgang Korngold und Camille Saint-Saëns

Oper und Film – Franz Schmidts Oper Notre Dame

Der österreichische Komponist, Pianist, Cellist und Dirigent Franz Schmidt war im Wiener Musikleben des Fin de siècleeine durchaus prominente Figur. Sein Œuvre umfasst Klavier- und Orgelwerke, Kammermusik, vier Symphonien, konzertante Variationen für Klavier und Orchester und (als beeindruckendes Spätwerk) das 1937 vollendete Apokalypse-Oratorium Das Buch mit sieben Siegeln. Die Leidenschaft für das Orchester hatte Schmidt, von 1896 bis 1911 als Cellist den Wiener Philharmonikern angehörte, schon früh entdeckt. Seine Erste Symphonie war 1899 mit dem Beethoven-Preis der Gesellschaft der Musikfreunde ausgezeichnet worden, und auch die Uraufführung des Zwischenspiels aus einer unvollendeten romantischen Oper am 6. Dezember 1903 fand reichlich Beifall – wobei der Titel eigentlich eine Irreführung war: Schmidt hatte mit der Arbeit an der »unvollendeten« Oper noch gar nicht richtig begonnen. Erst 1904 und 1906 entstand dann der Zweiakter Notre Dame nach dem Roman Notre-Dame de Paris von Victor Hugo. Das Werk stieß zunächst allerdings auf wenig Interesse: Gustav Mahler lehnte eine Aufführung an der Wiener Hofoper ebenso ab wie sein Nachfolger Felix Weingartner, und erst am 1. April 1914 dirigierte Franz Schalk die Uraufführung der Oper.

Wie sehr der Komponist mit seiner Stoffauswahl dem »Zeitgeist« entsprach, zeigt sich wohl auch darin, dass Victor Hugos Roman etwa zeitgleich das neue Medium des Films eroberte. 1905 war für die Filmgesellschaft Gaumont (unter dem Titel La Esmeralda) ein erster, zehnminütiger Stummfilm von Alice Guy-Blaché und Victorin-Hippolyte Jasset entstanden, 1911 drehte Albert Capellani Notre-Dame de Paris für Pathé (36 Minuten lang). Seither sind mehr als ein Dutzend Verfilmungen hinzugekommen. Und tatsächlich erinnern Schmidts opulent-farbiger Orchesterstil und die gestische und rhythmische Verve seiner Musik ein wenig an jene Ideal-Soundtracks großer Hollywood-Produktionen der 1930er-, 1940er- und 1950er-Jahre in Cinemascope und Technicolor, für die Erich Wolfgang Korngold als Erfolgsgarant galt.

Film und Konzert – Das Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold

1934 war Korngold einer Einladung Max Reinhardts nach Hollywood gefolgt, um die Sommernachtstraum-Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy für den Shakespeare-Film A Midsummer Night’s Dream zu arrangieren. Reinhardts Film wurde zwar ein eklatanter Misserfolg, Korngolds Musik hingegen stieß allgemein auf positive Resonanz, so dass sich der damals 38-Jährige entschloss, sein Glück als Filmkomponist zu versuchen – zumal er als Jude ohnehin nicht nach Wien zurückkehren konnte.

Für die 19 Filmpartituren, die er zwischen 1935 und 1946 komponierte, wurde er insgesamt fünf Mal für einen Oscar nominiert und durfte zwei Mal die Goldstatuette nach Hause tragen: 1937 für Anthony Adverse und 1939 für The Adventures of Robin Hood. Aber Korngold verstand sich selbst eher als ein »moderner« Musiker – seine Violinsonate op. 6 war immerhin 1919 in Arnold Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen gespielt worden. Das gehörte nun freilich nicht in die Richtung, die Hollywood von ihm verlangte. So entschloss er sich Mitte der 1940er-Jahre, in den Konzertsaal und zur »seriösen« Musik zurückzukehren – allerdings in einer Art Spagat: Im Violinkonzert D-Dur op. 35, das er 1945 für Jascha Heifetz schrieb, verwendete er durchgängig Material aus Filmmusiken. Im Kopfsatz Another Dawn (1937) und Juarez (1939), im zweiten Satz – das Klarinettensolo der Romanze– aus Anthony Adverse, im dritten aus The Prince and the Pauper (1937). Der Erfolg der Uraufführung, die Heifetz am 15. Februar 1947 mit dem St. Louis Symphony Orchestra unter Vladimir Golschmann spielte, war überwältigend – vor allem wohl auch aufgrund des Solisten, wie Korngold anerkennen musste: »Trotz der Virtuosität des Finales ist mein Konzert mit seinen vielen melodischen und lyrischen Episoden eher für einen Caruso als für einen Paganini gedacht. Unnötig zu sagen, wie glücklich ich darüber bin, dass es von einem Caruso und einem Paganini in Personalunion gespielt wird: Jascha Heifetz.« Wenn man heute – mit 70 Jahren Abstand – das Violinkonzert (wieder) hört, zeigt sich auch, dass Korngold ein Ziel souverän erreicht hat: »Ich wollte immer eine Musik für den Film schreiben, die auch ohne Film als Musik bestehen kann.«

Die letzte Symphonie des ersten Filmkomponisten: Camille Saint-Saënsʼ Orgelsymphonie

Ob Korngold wusste, wer eigentlich das Genre der Filmmusik begründet hatte? Es war der 73-jährige Camille Saint-Saëns, der 1908 für den Historien-Stummfilm L’Assassinat du Duc de Guise von Henri Lavedan, André Calmettes und Charles Le Bargy die erste originale Filmpartitur der Musikgeschichte lieferte. Ausgerechnet Saint-Saëns, von dem damals viele »Modernisten« behaupteten, seine »Vorliebe für das Alte sei ebenso notorisch wie seine Abneigung gegen das Neue« (Jean Marnold). Schuld daran trug nicht zuletzt sein langes Leben: Saint-Saëns wurde am 9. Oktober 1835 in Paris geboren – achteinhalb Jahre nach dem Tod Ludwig van Beethovens – und starb am 16. Dezember 1921 in Algier – achteinhalb Jahre nach der Uraufführung von Igor Strawinskys Le Sacre du printemps. Da konnte man Anfang des neuen Jahrhunderts leicht vergessen, dass er einmal ein Avantgardist und Revolutionär gewesen war, und dass er vor allem mit seinen Solokonzerten und Symphonien Wegbereiter einer Weiterentwicklung dieser Gattungen war, die weit ins 20. Jahrhundert hineinreichte.

Das zeigt exemplarisch die (nach offizieller Zählung, in der zwei Jugend-Symphonien unberücksichtigt bleiben) Dritte Symphonie c-Moll op. 78, die Saint-Saëns 1886 im Auftrag der Londoner Philharmonic Society komponierte. Die Verwendung von Orgelsolo und Klavier zu vier Händen in einem symphonischen Werk stellte zwar keine absolut innovatorische Leistung dar – erinnert sei hier etwa an den Orgelpart der Symphonischen Dichtung Hunnenschlacht (1857) von Franz Liszt und an den Klavierpart des lyrischen Monodrams Lélio von Hector Berlioz (1831). Doch die formale Anlage der Orgelsymphonie ist wirklich ein solches Novum der Gattung, dass der Komponist für die Londoner Uraufführung eigens ein programme analytique entwarf, um sie dem Publikum zu erläutern: »Obwohl diese Symphonie in zwei Sätze unterteilt ist, behält sie im Prinzip die traditionelle Viersätzigkeit bei; dabei dient der erste Satz, der in der Durchführung abbricht, als Einleitung zum Adagio, und auf dieselbe Weise ist das Scherzomit dem Finaleverknüpft. Es ging dem Komponisten darum, endlose Rekapitulationen und Wiederholungen zu vermeiden.« Über diese Besonderheit im Großen hinaus ist die Symphonie auch im Kleinen ein einzigartiges Werk – »die erste symphonische Partitur der französischen Musik, die aus einem einzigen, von Satz zu Satz entwickelten und fortgesponnenen thematischen Gedanken entspringt« (so der amerikanische Musikwissenschaftler Daniel Martin Fallon): der (aus der gregorianischen Dies-irae-Sequenz abgeleiteten) Tonfolge es – d – es – c – d – es – g – fis – f – es – d, die im Allegro moderato des ersten Satzes exponiert wird.

Die Klang-Disposition des Werks weist Saint-Saëns als Adepten jener »Neudeutschen Schule« Franz Liszts aus. Von diesem war der 24 Jahre jüngere Franzose schon früh unterstützt und gefördert worden, indem Liszt beispielsweise die Weimarer Uraufführung von dessen Oper Samson et Dalila am 2. Dezember 1877in die Wege geleitet hatte, denn »unter den a k t u e l l e n französischen Komponisten kenne ich keinen, der so sehr das Interesse eines intelligenten und musikalisch gebildeten Publikums verdient wie Monsieur Saint-Saëns«.

Michael Stegemann

Zubin Mehta und die Berliner Philharmoniker verbindet eine langjährige musikalische Partnerschaft, die im September 1961 ihren Anfang nahm. 1936 in Bombay geboren, hatte Zubin Mehta an der Wiener Musikakademie bei Hans Swarowsky studiert. Der Preisträger des Dirigentenwettbewerbs in Liverpool (1958) und des Kussewitzky-Wettbewerbs in Tanglewood war mit Mitte 20 bereits Chefdirigent in Montreal (1961 – 1967) sowie in Los Angeles (1962 – 1978), hatte zudem bei den Wiener Philharmonikern debütiert und den erkrankten Eugene Ormandy beim Israel Philharmonic Orchestra vertreten. Von 1978 bis 1991 war er Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker. Bereits seit 1977 ist er Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra, seit 1985 betreut er als Chefdirigent das Teatro del Maggio Musicale in Florenz: Beide Institutionen ernannten ihn zum Dirigenten auf Lebenszeit. Neben seinen Konzertverpflichtungen hat Zubin Mehta auch stets Opernaufführungen an den bedeutenden Häusern der Welt geleitet; zwischen1998 und 2006 stand er als Generalmusikdirektor an der Spitze der Bayerischen Staatsoper und des Bayerischen Staatsorchesters in München. Zu den vielen Auszeichnungen des Künstlers zählen der »Preis für Frieden und Toleranz« der Vereinten Nationen (1999), die Mitgliedschaft in der französischen Ehrenlegion (2001) und der Bayerische Verdienstorden (2005). Mehta ist Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, und wurde 2008 vom japanischen Kaiserhaus mit dem »Praemium Imperiale« geehrt; 2012 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Gemeinsam mit seinem Bruder Zarin hat Zubin Mehta in Bombay die Mehli Mehta Music Foundation mit dem Ziel gegründet, Kinder an klassische westliche Musik heranzuführen. Darüber hinaus engagiert er sich mit dem Israel Philharmonic Orchestra über die Buchmann-Mehta School of Music in Tel Aviv sowie im Rahmen eines neues Projekts in Shwaram und Nazareth für die Ausbildung junger Israelis und israelischer Araber. Am Pult der Berliner Philharmoniker stand Zubin Mehta zuletzt Ende Januar 2014; er dirigierte Werke von Beethoven, Mahler, Strauss und Webern.

Gil Shaham, 1971 im amerikanischen Staat Illinois geboren und in Israel aufgewachsen, begann seine Violinstudien im Alter von sieben Jahren bei Samuel Bernstein. 1980 wechselte er zu Chaim Taub, der ihm Begegnungen mit Isaac Stern, Nathan Milstein, Henryk Szeryng und Jaime Laredo vermittelte. Nach Kursen bei Dorothy DeLay und Jens Ellerman in den USA gewann der Künstler 1982 den ersten Preis beim israelischen Claremont-Wettbewerb. Anschließend studierte Gil Shaham an der New Yorker Juilliard School of Music, wo er weiterhin von Dorothy DeLay sowie von Hyo Kang ausgebildet wurde. Bereits als Zehnjähriger gab Gil Shaham beim Jerusalem Symphony Orchestra sein Debüt; bald darauf folgte ein Soloauftritt mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta. Heute gastiert der 2008 mit dem begehrten Avery Fisher Prize ausgezeichnete und 2012 von Musical America zum »Instrumentalist of the Year« ernannte Künstler regelmäßig bei den weltweit führenden Orchestern (New York Philharmonic Orchestra, Cleveland Orchestra, Wiener Philharmonikern, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, der Dresdner Staatskapelle, Israel Philharmonic Orchestra, BBC Symphony Orchestra). Für seine über 30 CD-Einspielungen erhielt er zahlreiche Preise, u. a. den Grammy, den Grand Prix du Disque, den Diapason d’Or und den Gramophone Editor’s Choice. Gil Shaham, der die Stradivari »Gräfin Polignac« von 1699 spielt, gab sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern im Jahr 1988 als Solist im Violinkonzert von Jean Sibelius (Dirigent: Sir Colin Davis). Zuletzt gastierte er hier Ende Oktober 2008 unter der Leitung von David Zinman als Solist in Sir Edward Elgars Violinkonzert.

Thierry EscaichistgleichermaßenKomponist, Organist und Improvisator. Sein Œuvre umfasst an die 100 Werke, die mit ihrem lyrischen Elan und ihrer mitreißenden Rhythmik ein breites Publikum ansprechen. Renommierte Orchester in Europa und in den Vereinigten Staaten habe Thierry EscaichsKompositionen unter der Leitung von Dirigenten wie Valery Gergiev, Christoph Eschenbach und Lothar Zagrosek aufgeführt. Als Composer-in-Residence verpflichteten ihn das Orchestre National de Lyon, das Orchestre National de Lille und das Orchestre de Chambre de Paris; drei Mal wurde er mit dem Preis Victoire de la musique ausgezeichnet (2003, 2006, 2011). Zu seinen jüngsten Kompositionen zählen ein Konzert für Violine, Oboe und Orchester für Lisa Batiashvili und François Leleux und ein Cellokonzert für Emmanuelle Bertrand. Für die Eröffnung der Pariser Philharmonie im Januar 2015 entstand zudem ein Concerto pour orchestre; derzeit arbeitet er an einer großen Komposition für das Cincinnati Symphony Orchestra. Thierry Escaichs Laufbahn als Komponist ist eng mit seiner Laufbahn als Organist verbunden – ähnlich wie bei Maurice Duruflé, dem er in Paris an der großen Orgel der Pfarrkirche Saint-Étienne-du-Mont als Titularorganist nachfolgte. Der Musiker gibt weltweit Rezitals, gastiert als Solist bei bedeutenden Symphonieorchestern und improvisiert regelmäßig zu Stummfilmen wie Das Phantom der Oper oder Metropolis. Seit 1992 unterrichtet Thierry Escaich Improvisation und Komposition am Conservatoire national supérieur de musique et de danse (CNSMDP) in Paris, wo er selbst studiert hat. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen wurde er 2013 zum Mitglied der Académie des Beaux-Arts des Institut de France ernannt. Bei den Berliner Philharmonikern gibt Thierry Escaich nun sein Debüt.

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