13. Apr 2018

Berliner Philharmoniker
Kirill Petrenko

Yuja Wang

  • Paul Dukas
    La Péri, Poème dansé (18 Min.)

  • Sergej Prokofjew
    Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26 (36 Min.)

    Yuja Wang Klavier

  • Franz Schmidt
    Symphonie Nr. 4 C-Dur (46 Min.)

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    Interview
    Yuja Wang im Gespräch mit Andreas Ottensamer (10 Min.)

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    Interview
    Kirill Petrenko im Gespräch mit Knut Weber (12 Min.)

Verführung, Tod und die Sehnsucht nach Unsterblichkeit ̶ das sind die Themen des Poème dansé La Péri von Paul Dukas. Der französische Komponist, bekannt als Schöpfer der Tondichtung Der Zauberlehrling, schrieb das auf einer alten persischen Sage basierende Werk im Auftrag von Sergej Diaghilew, dem Impressario der Ballets russes. Nachdem Diaghilew die geplante Uraufführung absagte, erklang das Stück erstmals 1912 am Pariser Théâtre du Châtelet und bescherte Veranstalter und Komponist einen triumphalen Erfolg. Die Musik besticht durch ihr exotisches Kolorit und ein raffiniertes Spiel orchestraler Klangfarben.

Weiterhin vertreten: die Vierte Symphonie des österreichischen Komponisten Franz Schmidt, der als Cellist im Wiener Hofopernorchester die Ära Mahler miterlebte und sich später erinnerte: »Mahlers Direktion brach wie eine Naturkatastrophe über die Oper herein: Ein Erdbeben von enormer Kraft und Dauer erschütterte das Gebäude in seinen Grundfesten. Alles, was alt, veraltet oder in schlechtem Zustand war, geriet unter die Räder und war für immer verloren. Danach begann in Wien eine der schillerndsten musikalischen Perioden, die die Stadt je erlebt hatte.« Schmidt komponierte seine symmetrisch konzipierte Vierte viele Jahre später – nach dem Tod seiner einzigen Tochter: Klänge, die von Abschied und schmerzlicher Liebe erfüllt sind. Am Anfang steht ein resignatives Motto der Solotrompete, das Schmidt als die »letzte Musik« bezeichnete, »die man ins Jenseits hinübernimmt, nachdem man unter ihren Auspizien geboren wurde und gelebt hat«. Nach einem breiten passionato-Thema, mit dem in den Worten des Komponisten »das ganze Leben noch einmal vorüberzieht«, folgt als Trauermarsch für die verstorbene Tochter ein bewegendes Adagio. Das Scherzo endet erklärtermaßen in der »Katastrophe«, während in der abschließenden Reprise des Kopfsatzes, so Schmidt, »alles gereifter und verklärter« erscheint.

Zwischen den beiden genannten Werken hat Kirill Petrenko Sergej Prokofjews klassizistisches Drittes Klavierkonzert aufs Programm gesetzt, das (ähnlich der Pulcinella-Musik von Igor Strawinsky) nach einer modernisierten Stilkopie alter Meister klingt. Den Solopart übernimmt Yuja Wang, die ihre Finger bisweilen in atemberaubender Schnelligkeit über die Klaviertasten tanzen lässt. Kein Wunder, dass manche meinen, sie »müsse mehr als zwei Hände haben« (Die Zeit).

Auf der Suche nach der verlorenen Unsterblichkeit

Werke von Paul Dukas, Sergej Prokofjew und Franz Schmidt

Manche Komponisten scheinen in jeder Lebenslage zur Schöpfung neuer Werke fähig zu sein. Auch unter schwierigen Bedingungen fließen ihnen Stücke aus der Feder, während andere so wenig zu Papier bringen, dass ihre Präsenz im Repertoire an ein Wunder grenzt. Mit zwei Vertretern dieser Extreme beginnt das heutige Konzert: Einerseits Sergej Prokofjew, der sein Drittes Klavierkonzert im Revolutionsjahr 1917 in der russischen Heimat skizzierte, um es – parallel zu anderen Arbeiten – einige Jahre später in Frankreich zu vollenden und in den USA uraufzuführen. Andererseits der Franzose Paul Dukas, der sein erlesenes Œuvre einer unerbittlichen Selbstkritik abtrotzte und der – von wenigen Studienwerken abgesehen – exemplarisch je einen Beitrag zu Oper, Ballett, Symphonie, Tondichtung, Kammermusik, Klavierlied und Klaviersonate schuf. Franz Schmidt wiederum, idealtypischer Spross der habsburgischen Doppelmonarchie, ist im zweiten Programmteil als ein nur scheinbar unzeitgemäßer Komponist symphonischer Bekenntnismusik wiederzuentdecken.

Blume der Unsterblichkeit: La Péri von Paul Dukas

Der Name Paul Dukas fällt selten allein: Dukas, der Freund Claude Debussys. Dukas, der wortmächtige Kritiker, der Gustav Mahler als Dirigenten bewundert. Dukas, der prägende Lehrer von Olivier Messiaen. Dukas, der unfreiwillige Soundtrack-Lieferant für Walt Disney – 1940 schwang im Zeichentrickfilm Fantasia Mickey Mouse den Stab zu L’Apprenti sorcier (Der Zauberlehrling): Dieses Scherzo nach Goethes Ballade (1797) ist Dukasʼ mit Abstand bekanntestes Werk – die Ballettmusik La Péri muss dagegen als Rarität gelten.

In La Péri – die Titelrolle ist eine Elfe aus der persischen Mythologie – greift Dukas einen Mythos auf, der die Komponisten seit langer Zeit fesselte. Die von Dukas selbst entworfene Handlung geht jedoch eigene Wege: Der Prinz Iskender reist durch Persien, um die Blume der Unsterblichkeit zu finden. Nach langer Fahrt erblickt er das ersehnte Gewächs im Schoß einer schlafenden Schönheit, der Dukas bis dato nie gehörte orientalische Melismen auf den Leib komponiert. Kernig und rhythmisch pointiert ist dagegen der Prinz charakterisiert, doch die Musik ist viel zu dicht, liebt Veränderung, Anreicherung und Überlagerung viel zu sehr, als dass sie es bei solch einer konventionellen Figurenzeichnung belassen könnte. Beim Versuch, ihr die Blume zu entwinden, schreckt die Péri auf – mit einem verführerischen Tanz, gekrönt von einem Kuss, erobert sie jedoch die Blume zurück und lässt den Prinzen mit der Erkenntnis allein, keineswegs unsterblich, vielmehr dem Tode nahe zu sein …

Jahrhunderte tanzen: Sergej Prokofjews Drittes Klavierkonzert

Ein knappes Jahrzehnt später, 1921, war Sergej Prokofjew zur Sommerfrische an die bretonische Küste gereist, wo er auf einen prominenten Emigranten traf: Konstantin Balmont (1867–1942), führender Dichter des russischen Symbolismus. Neben einer obligatorischen Balmont-Vertonung nahm sich Prokofjew nun auch älteres Material vor, unter anderem die zehn Jahre zurückreichenden Notizen zu einem, wie er schrieb, »großen und sehr passagenreichen Klavierkonzert«. Kurz vor der Revolution waren weitere Ideen für eine Musik dazugekommen, die, so Prokofjew, »sich auf die weißen Tasten beschränkt«. Somit stand die Tonart C-Dur fest, aber der unbändige musikalische Spieltrieb wie auch die Befürchtung »einer gewissen Eintönigkeit« gaben Prokofjew bei der Weiterbearbeitung seiner Skizzen auch hochvirtuos aneinandergereihte Zwischentöne ein. Was da Form anzunehmen begann, spielte er dem Nachbarn Balmont vor, der sich seinerseits zu dem Gedicht Troisième Concerto anregen ließ, in dem es heißt: »Augenblicke tanzen Walzer. Jahrhunderte führen die Gavotte. / Plötzlich, ein urwüchsiges Tier, von Feinden geschreckt, / Sprengt alle Fesseln, droht mit den Hörnern. / Doch da, ein zarter Klang aus der Ferne. Prokofjew! Musik und Jugend erblühen, / In dir ersehnte das Orchester den klingenden Flug, / Und auf das Tamburin der Sonne schlägt der unbesiegbare Skythe.«

Prokofjew revanchierte sich und widmete sein neues Werk dem Dichter. Den Hauch des Symbolismus verströmt das C-Dur-Konzert trotzdem nicht: Sein Aufbau mit langsamer Einleitung und Sonatensatz, Variationen und Kehraus-Finale folgt klassischen Vorbildern, der Tonfall ist klar und trocken, Motorik und Groteske stehen für eine neue Zeit. Lässt sich das einleitende Klarinettensolo noch als Abschied von Russland deuten, so fegt das Klavier bald alle Nostalgie hinweg, während das von Kastagnetten begleitete Seitenthema dem Konzert etwas Zirzensisches und zugleich Uneigentlich-Ortloses verleiht. Der Eindruck wird im Finale verstärkt, wenn das Klavier immer wieder zum Zerrbild des Orchesters wird und den musikalischen Verlauf karikiert, irgendwo zwischen den Vortragsbezeichnungen »con sentimento« und »turbolento«. Im Andantino mit fünf Variationen nimmt Prokofjew das Klavier allerdings zurück, überlässt dem Orchester das Thema und teilt dem Solisten bisweilen elegante Begleit- und Verzierungsaufgaben zu.

Kindertotenlied: Franz Schmidts Vierte Symphonie

Ähnlich wie Dukas ist Franz Schmidt heute, wenn überhaupt, für ein Werk bekannt: Das Buch mit sieben Siegeln, eines der großen Oratorien des 20. Jahrhunderts. Freunde der »Leichten Klassik« kannten zudem das einstmals populäre Zwischenspiel aus der Oper Notre Dame. Seine Vierte Symphonie, die Schmidt im November 1933 in seinem Haus in Perchtoldsdorf bei Wien vollendet hatte, lobten so gegensätzliche Persönlichkeiten wie Hans Pfitzner und Alban Berg. Wahrheit und Innerlichkeit gingen aus Schmidts tragischer Biografie in dieses Werk ein: Seine erste Frau wurde 1919 in die Psychiatrie eingewiesen (wo sie 1942 der »Euthanasie« zum Opfer fiel), die gemeinsame Tochter Emma starb 1932 im Wochenbett.

Als »Requiem für meine Tochter« sah Schmidt seine Vierte an, die ungeachtet des persönlichen Hintergrunds zu den großen Meisterwerken strenger Formgebung gezählt werden muss. Einen großen Bogen spannt Schmidt für die Dauer einer Dreiviertelstunde, und ähnlich wie in Arnold Schönbergs Erster Kammersymphonie ist es auch hier nicht leicht zu entscheiden, ob die vier Großabschnitte als ineinander fließende Sätze oder als Exposition, zweiteilige Durchführung und Reprise eines einzigen Satzes zu betrachten sind. In der ersten Lesart kann mit der klassischen Abfolge der Charaktere argumentiert werden, in der zweiten mit der Spiegelung von Anfang und Ende. Deutlichstes Merkmal dieser symmetrischen Anlage ist das beklemmende Trompetensolo, in dessen Quartenfolgen barocke Schmerzensmusik nachklingt: Es wird zum thematischen Nährboden des gesamten Werks, eröffnet und beschließt die Symphonie in größter Einsamkeit. Diesem Todesthema wird in den Streichern ein lebhafter »Passionato«-Gedanke gegenübergestellt.

Der zweite Großabschnitt steigert sich zum Trauermarsch, in dem der Komponist das Violoncello einen Klagegesang anstimmen lässt. Der Scherzo-artige dritte Teil steuert in dichter kontrapunktischer Arbeit auf einen Zusammenbruch von mahlerschen Dimensionen zu, dem sich der Abgesang des Finales anschließt. In Schmidts eigenen Worten: »Nach dem eine Katastrophe andeutenden Abschluss der Durchführung (Scherzo), tritt die Reprise des ersten Satzes ein, in der alles gereifter und verklärter erscheint.« Das letzte Erklingen des »Passionato«-Themas nannte er »ein Sterben in Schönheit, wobei das ganze Leben noch einmal vorüberzieht«. Wie vor ihm Johannes Brahms, schloss Franz Schmidt sein Schaffen als Symphoniker mit einer Vierten ab: mit diesem Werk war alles gesagt.

Olaf Wilhelmer

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