Janine Jansen spielt Tschaikowskys Violinkonzert

Janine Jansen spielt Tschaikowskys Violinkonzert
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12. Okt 2019

Berliner Philharmoniker
Paavo Järvi

Janine Jansen

  • Jean Sibelius
    Tapiola, Tondichtung op. 112

  • Peter Tschaikowsky
    Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35

    Janine Jansen Violine

  • Robert Schumann
    Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 »Rheinische«

  • kostenlos

    Interview
    Paavo Järvi im Gespräch mit Sarah Willis

Der für seine mitreißenden Interpretationen gefeierte Dirigent Paavo Järvi und die charismatische, durch makelloses technisches Rüstzeug, eine überlegene Klangkultur und höchste musikalische Sensibilität überzeugende Geigerin Janine Jansen nehmen sich in diesen Konzerten zweier Kompositionen an, die sich in der Akzeptanz durch die Öffentlichkeit zunächst stark unterschieden.

Peter Tschaikowskys Violinkonzert, das nach einer Zeit einschneidender persönlicher Krisen des Komponisten entstanden ist, sei »unviolinistisch«, befand einst Leopold Auer, der Widmungsträger des Werks – und überließ es daher einem Kollegen, Tschaikowskys einzigen Beitrag zur Gattung des Violinkonzerts am 4. Dezember 1881 in Wien aus der Taufe zu heben. In den Feuilletons war über dieses denkwürdige Ereignis seinerzeit kaum etwas Gutes zu lesen. Der Wiener Eduard Hanslick konfrontierte seine Leser sogar mit der despektierlichen Frage, ob es wohl »Musikstücke geben könnte, die man stinken hört«. Es sollten noch Jahre ins Land gehen bis Tschaikowskys klassischen Formprinzipien folgendes Violinkonzert, das enorme spieltechnische Anforderungen in den Dienst nie zuvor gehörter Ausdrucksbereiche stellt, von Publikum und Presse als epochaler Markstein der Gattungsgeschichte anerkannt wurde.

Anders erging es der Dritten Symphonie von Robert Schumann: Als sie am 6. Februar 1851 in Düsseldorf unter der Leitung des Komponisten zum ersten Mal aufgeführt wurde, zeigten sich Presse und Publikum auf Anhieb begeistert. Kritik an dem innerhalb nur eines Monats entstandenen Werk wurde damals von eher unerwarteter Seite laut: So schrieb Schumanns Gattin Clara über den Finalsatz, er sei »derjenige, welcher mir noch am wenigsten klar ist; er ist äußerst kunstvoll, das höre ich, doch kann ich nicht so recht folgen«. In eine ähnliche Kerbe schlug später ausgerechnet Tschaikowsky, als er Schumanns Komposition bescheinigte, dass in ihr trotz »ungeschwächter Kraft des Inhalts äußere Formmängel immer bemerkbarer« zu Tage träten. Letzten Endes ließen sich aber weder Schumann, der mit der Dritten Symphonie bei den Zuhörern nach eigener Aussage »freundlichere Stimmungen« erwecken wollte, noch sein Publikum von diesen Kritteleien entmutigen. Heute gilt das Werk, das in fünf Sätzen gänzlich divergente Ausdruckswerte auslotet, dank subtiler motivischer Querverbindungen aber dennoch eine bezwingende Einheit darstellt, zu Recht als eine von Schumanns symphonischen Glanzleistungen.

An den Beginn des Programms hat Paavo Järvi Tapiola von Jean Sibelius gestellt. Die von finnischen Natursagen inspirierte Tondichtung war ein Auftragswerk des amerikanischen Dirigenten Walter Damrosch, der das Werk 1926 in New York zur Uraufführung brachte. Es sollte Sibeliusʼ letzte Komposition für Orchester bleiben. Leevi Madetoja, einer der Schüler von Sibelius, beschrieb seine Eindrücke zu Tapiola: »Zuweilen hört man das wehmütige, sich immer wieder wiederholende Munkeln des Waldgeistes, zuweilen tanzen die Wichtelmännchen hitzig, zuweilen wiederum schreit ein einsamer Wanderer in der Einöde seinen Lebensschmerz gegen Himmel. Ein schönes Werk, technisch der Symphonie Nr. 7 nahe.«

Unendliche Mannigfaltigkeit in der Einheit

Erstaunliche Amalgame von Sibelius, Tschaikowsky und Schumann

Die Tondichtung Tapiola von Jean Sibelius

Bedeutende Musikstücke sind selten das, was sie zu sein vorgeben. Die Intentionen eines Komponisten zu erkennen oder zu erraten fällt deswegen nicht leicht. Jean Sibelius kann als ein – nicht nur in dieser Hinsicht – besonders interessanter Fall gelten. Sein letztes Werk für großes Orchester, die 1926 in New York von Walter Damrosch uraufgeführte Tondichtung Tapiola, ist mehrdeutig und rätselhaft wie nur weniges aus jener Epoche. Der Arbeitstitel lautete ursprünglich Skogen (Der Wald). Aber das führte zu Befürchtungen, eine Übersetzung mit »the wood« oder »the forest« würde unerwünschte Assoziationen zur Forstwirtschaft wecken. Daraufhin änderte Sibelius den Titel, der sich nun auf Tapio bezog, den Waldgott aus dem finnischen Nationalepos Kalevala. Er sandte eine Prosaskizze nach New York, die den Bedeutungsgehalt des Titels erläutern sollte:

Da dehnen sich des Nordlands düstre Wälder,
Uralt – geheimnisvoll in wilden Träumen;
In ihnen wohnt der Wälder großer Gott,
Waldgeister weben heimlich in dem Dunkel.

Es geht nicht um das reale Finnland, es geht um das Finnland – besser: Nordland oder Lappland – der Mythologie, um ein Gebiet, das allenfalls jenseits des Polarkreises zu verorten wäre. Sibelius kannte es nicht aus eigener Erfahrung, er ist nur einmal mit der Bahn durchgefahren, 1915 auf dem Weg nach Schweden. Diese fremde, durch Raum und Zeit weit entfernte Welt ist der Gegenstand des in dorischem h-Moll stehenden Werks: die unablässig wirkende Urkraft der Natur, das unverfügbare, unergründliche, ja verstörende Andere. Die Tonsprache entspricht dem »Sujet« vollkommen. Der englische Musikologe Benedict Taylor formuliert es in einer richtungsweisenden Spezialstudie folgendermaßen: »So wie Tapio, der Genius Loci des finnischen Waldes, sein Gesicht dem modernen Publikum nicht ohne Weiteres offenbart, sondern sich in verschiedenen Formen manifestiert, so enthüllt Sibeliusʼ dunkle Komposition die Geheimnisse ihrer Organisation nicht aus einer einzigen Perspektive, sondern muss unter verschiedenen Aspekten gedeutet werden.«

Das Violinkonzert von Peter Tschaikowsky

Peter Tschaikowskys Violinkonzert folgt keiner Erzählung, was ziemlich erstaunlich ist bei einem Komponisten, der selbst drei seiner sieben Symphonien Titel gab und zu zwei weiteren Symphonien vage Programme mitteilte. Liegt dem Violinkonzert auch kein poetisches Sujet zugrunde, so ist es doch stark autobiografisch motiviert. Es ist von der Freundschaft Tschaikowskys zu seinem Kompositionsschüler Josef Kotek geprägt, einem jungen Geiger, der ihm bei der Arbeit zur Seite stand. Und nicht nur bei der Arbeit. Bereits im Januar 1877 hatte Tschaikowsky seinem Bruder Modest berichtet: »Wenn ich vergehe im Kampf mit dem Verlangen, ihm zu Füßen zu fallen und diese Füße zu küssen – dann tobt in mir die Leidenschaft mit unvorstellbarer Stärke, meine Stimme zittert wie bei einem Jüngling, und ich rede irgendwelches dummes Zeug.« Da der Geiger nicht homosexuell war, kühlte die Beziehung ab. Dennoch agierte Kotek als einer der beiden Trauzeugen bei Tschaikowskys absurder Hochzeit mit Antonina Miljukowa im Juli 1877. Nachdem die Ehe zu einem halbherzigen Selbstmordversuch des frisch Vermählten führte und dann, wie vorherzusehen, sofort in die Brüche ging, fanden die beiden Freunde wieder zueinander und verbrachten mehrere Wochen in dem Örtchen Clarens am Genfer See.

Kotek war es, der Tschaikowsky zur Komposition eines Violinkonzerts anregte. Das Werk ist formal interessant, denn es verbindet zwei gewichtige Außensätze durch eine kurze, melancholische Canzonetta. Seine Wirkung und Beliebtheit verdankt es in erster Linie dem wandlungsfähigen Hauptthema des Kopfsatzes, einer verkappten Polonaise. Die Geige stellt es, nach einer kurzen Orchestereinleitung, bereits in ihrem ersten Einsatz vor. Sie bringt auch zwei weitere Themen, die dann jedoch zu Beginn der Durchführung vom vollen Apparat beiseitegedrängt werden: Prächtig auftrumpfend bemächtigt sich das Hauptthema des Geschehens, und das gleich mehrmals – der geniale Melodiker Tschaikowsky liebte es, mit seinen Einfällen verschwenderisch umzugehen. Auf die Canzonetta folgt attacca das ungestüme Finale, das zwei gegensätzliche Sphären miteinander konfrontiert: entfesselte, sanguinische Passagen im Stile der »Zigeunerromantik« und eine ebenso rustikale wie schwermütige Melodie volkstümlichen Charakters. Der Wiener Kritiker Hanslick, der hier »die brutale, traurige Lustigkeit eines russischen Kirchweihfestes« heraushörte, hatte wahrscheinlich in Grinzing zu lange unter dem Tisch gelegen.

Die Dritte Symphonie von Robert Schumann

Wenn in Zusammenhang mit Weingenuss jetzt der Name Robert Schumann folgt, ist das nicht boshaft, sondern naheliegend. Schließlich gibt es von ihm eine Fest-Ouvertüre über das Rheinweinlied ›Bekränzt mit Laub‹. Dabei ist die Rheinische Symphonie das Produkt eines zeitweiligen Abstinenzlers. Schumann schrieb sie Ende 1850 innerhalb von fünf Wochen. Seit wenigen Monaten erst in Düsseldorf, wohin ihn die Stelle als Städtischer Musikdirektor geführt hatte, überließ er sich begeistert den Eindrücken der neuen Umgebung, und das hieß: den Erlebnissen, die ihm der Rhein zu bieten hatte.

Waren es die Ufer von Düsseldorf und Köln, die ihn inspirierten, oder eher der romantische Mittelrhein rund um Rüdesheim? War es überhaupt der reale Strom oder der mit ihm verbundene romantische Mythos? Es war eindeutig eine Synthese aus all dem. Schumann hatte als Heidelberger Student 1829 mit dem Dampfschiff eine Main- und Rheinreise von Frankfurt bis Koblenz unternommen und dabei den Loreley-Felsen sowie die Ritterburgen bewundert. Und er hatte oftmals Heinrich Heine vertont, den großen Dichter des Rheins. Altes und Neues, Assoziationen und Impressionen flossen wie zwei Flüsse zusammen in der Dritten Symphonie.

Das überschwänglich und dennoch feierlich auftrumpfende Hauptthema des Kopfsatzes formuliert jenen spontanen Jubel, der den Komponisten erfasst haben dürfte, als er nach über zwei Jahrzehnten wieder an den Ufern des Rheins stand. So extrovertiert sich dieses Thema gibt, so raffiniert ist es erfunden: Über die Taktstriche hinweg, sozusagen schräg zum Dreiviertelmetrum gesetzt, nimmt es den Hörer sofort gefangen. Harmonisch mehr E-Dur als das heroische Es-Dur bevorzugend, fällt das Thema außerdem durch sein damals als dissonant geltendes Quartintervall – den diabolus in musica genannten Tritonus – aus dem Rahmen. Während das scheinbar behäbige, nach rheinischem Landleben klingende Scherzo nicht ohne Eintrübungen auskommt, überlässt sich der folgende dritte Satz unbeschwerten, beinahe biedermeierlichen Träumereien. Auf ihn folgt eine abgründige Zeremonie, ein Stück von sakraler Größe, das oft mit dem Kölner Dom in Verbindung gebracht wird. Der Schumann-Bewunderer Tschaikowsky bemerkte hierzu: »Das kurze, schöne Thema dieses Teils der Symphonie, das gleichsam als musikalische Nachbildung der gotischen Linie dienen soll, durchdringt das ganze Stück, bald in Form des Grundmotivs, bald als kleinstes Zierwerk, dem Werk jene unendliche Mannigfaltigkeit in der Einheit verleihend, die den eigentümlichen Zug der gotischen Architektur bildet.« Das Finale zieht dann ein überaus freundliches Resümee, beschwört möglicherweise Bilder des rheinischen Karnevals, eventuell auch die nach der Revolution von 1848/1849 geweckten Hoffnungen auf eine Demokratisierung Deutschlands. Der Rheinländer und Revoluzzer Ludwig van Beethoven hätte es nicht besser machen können.

Volker Tarnow

Paavo Järvi, Jahrgang 1962, stammt aus Tallinn, der Hauptstadt Estlands und studierte an der dortigen Musikhochschule sowohl Schlagzeug als auch Dirigieren. 1980 siedelte er in die USA über und vervollständigte seine Ausbildung am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie am Los Angeles Philharmonic Institute bei Leonard Bernstein. Nach Positionen als Erster Gastdirigent der Königlichen Philharmonie Stockholm und des City of Birmingham Symphony Orchestra war Paavo Järvi von 2001 bis 2011 Chefdirigent des Cincinnati Symphony Orchestra, dem er noch als »Music Director Laureate« verbunden ist. 2004 übernahm er die künstlerische Leitung der Kammerphilharmonie Bremen; von 2006 bis 2013 stand er zudem an der Spitze des hr-Sinfonieorchesters Frankfurt, bevor er von 2010 bis 2016 als Musikdirektor das Orchestre de Paris leitete; zudem gründete er 2010 das Estonian Festival Orchestra, das er seitdem leitet. Seit der Spielzeit 2015/2016 ist Paavo Järvi Chefdirigent des NHK Symphony Orchestra in Tokio, mit der Spielzeit 2019/2020 übernahm er dieses Amt auch beim Tonhalle-Orchester Zürich. Der Künstler wurde vom französischen Kultusministerium mit dem Titel »Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres« und vom Präsidenten Estlands mit dem »Orden vom weißen Stern« geehrt und ist ein gerngesehener Gast bei renommierten Orchestern wie dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, dem New York Philharmonic und den Wiener Philharmonikern. Besonderes Engagement zeigt der Dirigent für die Musik estnischer Komponisten, beispielsweise von Arvo Pärt, Erkki-Sven Tüür, Lepo Sumera und Eduard Tubin. Paavo Järvis künstlerische Arbeit ist in vielen, zum Teil preisgekrönten CD-Aufnahmen dokumentiert. Am Pult der Berliner Philharmoniker gab er sein Debüt im Februar 2000, zuletzt dirigierte er das Orchester Ende Mai 2019. Einen Tag nach diesen Konzerten übernahm er zudem beim Schulorchestertreffen im Rahmen des Familientags Meet the Orchestra die musikalische Leitung von Dvořáks Neunter Symphonie »Aus der neuen Welt«.

Janine Jansen, in den Niederlanden geboren, studierte Violine bei Coosje Wijzenbeek, Philipp Hirshhorn und Boris Belkin. Spätestens seit ihrem ersten Konzert mit dem Philharmonia Orchestra London unter der Leitung von Vladimir Ashkenazy im Jahr 2002 genießt sie weltweit Aufmerksamkeit und ist auf den Podien aller internationalen Musikmetropolen zu erleben. Janine Jansen gastiert u. a. beim Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, beim Gewandhausorchester Leipzig, beim City of Birmingham Symphony Orchestra, beim Mahler Chamber Orchestra, beim NHK Symphony Orchestra in Tokio sowie bei den großen amerikanischen Orchestern in New York, Philadelphia und Cleveland. In der Saison 2018/2019 war Janine Jansen Artist in Residence beim Tonhalle Orchester Zürich und beim Gothenburg Symphony Orchestra sowie Schwerpunktkünstlerin der Mozartwoche Salzburg. 2019 trat sie als Porträtkünstlerin des Schleswig-Holstein Musik Festival in Erscheinung. Semyon Bychkov, Paavo Järvi, Yannick Nézet-Séguin und Antonio Pappano zählen zu den Dirigenten, mit denen die Geigerin zusammenarbeitet. Im Bereich der Kammermusik gehören Martha Argerich, Itamar Golan, Mischa Maisky, Julian Rachlin und Jean-Yves Thibaudet zu ihren Partnern. Von 2003 bis 2016 betreute Janine Jansen das von ihr gegründete Internationale Kammermusikfestival in Utrecht, zu dem sie 2019 als Guest Artistic Director zurückkehrt. Bei den Berliner Philharmonikern gab sie ihr Debüt beim Waldbühnenkonzert im Juni 2006 unter der Leitung von Neeme Järvi. Zuletzt brachte sie mit ihnen im März 2016 bei den Osterfestspielen in Baden-Baden Max Bruchs Erstes Violinkonzert zur Aufführung, die Leitung hatte Sir Simon Rattle. Janine Jansen ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, u. a. 2018 mit dem Johannes Vermeer Preis, als Anerkennung für ihre herausragenden künstlerischen Leistungen. Sie spielt die sogenannte Rivaz-Baron Gutmann-Violine von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1707, eine Leihgabe von Dextra Musica.

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