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26. Okt 2019

Berliner Philharmoniker
François-Xavier Roth

Pierre-Laurent Aimard

  • Joseph Haydn
    Symphonie Nr. 59 A-Dur »Feuersymphonie« (21 Min.)

  • Béla Bartók
    Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 Sz 119 (31 Min.)

    Pierre-Laurent Aimard Klavier

  • Béla Bartók
    Tanz-Suite Sz 77 (18 Min.)

  • Edgard Varèse
    Arcana für großes Orchester (revidierte Fassung von 1960) (21 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Pierre-Laurent Aimard im Gespräch mit Stephan Koncz (9 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    François-Xavier Roth im Gespräch mit Stephan Koncz (12 Min.)

»Transformationen« – so könnte das Motto für dieses Konzertprogramm lauten. Jeder Programmpunkt beleuchtet diesen Begriff auf eigene Weise: Edgard Varèse ließ sich zu seinem Orchesterwerk Arcana von der Lehre des Paracelsus inspirieren, dem großen Arzt, Alchemisten und Mystiker des 16. Jahrhunderts, der nach einem Universalmittel suchte, das die Fähigkeit besitzt, den Menschen zu heilen, zu verwandeln und zu erneuern. Varèse galt Zeit seines Lebens als Provokateur, als einer, der die tradierte Musik in eine neue Klanglichkeit überführen wollte. Seine Stücke sind geräuschhaft, grell, aggressiv, sprunghaft und spiegeln auf einzigartige Weise das moderne Lebensgefühl in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. Der aus Frankreich stammende Komponist emigrierte 1915 in die USA, wo er mit Amériques und Arcana jene zwei monumentalen Orchesterwerke schrieb, mit denen er sich als einer der innovativsten Köpfe seiner Zeit ausgewiesen hat.

Auch Béla Bartóks Drittes Klavierkonzert entstand in den USA. Aber unter vollkommen anderen Umständen: Nach seiner Emigration gelang es dem Ungarn nicht, sich in Amerika eine Lebensgrundlage zu schaffen. Das öffentliche Interesse an seinen Werken blieb gering, einzig die Kompositionsaufträge führender Künstler, allen voran Sergej Koussevitzky, sicherten ein gewisses Einkommen. Als der Komponist sein Drittes Klavierkonzert für seine Frau, die Pianistin Ditta Pásztory konzipierte, war er schwerkrank und bereits vom Tod gezeichnet. In dem Konzert schlug er einen Ton an, den man von seinen anderen beiden Klavierkonzerten nicht kannte: nachdenklich, romantisch, voller Andacht. Bartòk greift auf Kompositionstechniken des Barock wie Fuge und Kontrapunktik zurück und verbindet diese mit dem charakteristischen ungarischen Idiom, das seine Musik auszeichnet. Für Pierre-Laurent Aimard, dem Solisten des Programms, liegt nach eigener Aussage die Herausforderung des Konzerts darin, die Phrasierung so zu gestalten, »dass es barockartig, aber auch bartók-artig klingt.«

Eröffnet wird das Programm von der sogenannten Feuersymphonie Joseph Haydns. Der Beiname, den das Werk erst später erhielt, geht auf die Vermutung zurück, Haydn habe das Werk als Zwischenaktmusik für das Schauspiel die Feuersbrunst geschrieben. Die Symphonie besticht durch ihren impulsiven, dramatischen Gestus. Haydn arbeitet mit kurzen, knappen, gegensätzlichen Motiven, die er teilweise voneinander ableitet, untereinander variiert und die dem Stück eine mitreißende rhythmische Sogwirkung geben. Mit François-Xavier Roth steht ein Dirigent am Pult der Berliner Philharmoniker, der in seiner Programmkonzeption gerne die Balance zwischen alter und neuer Musik sucht und außerdem ein ausgewiesener Spezialist für das Œuvre Edgard Varèses ist.

Innovation aus dem Verborgenen

Orchestermusik von Joseph Haydn, Béla Bartók und Edgard Varèse

Die Symphonie Nr. 59 von Joseph Haydn

Bereits in der Exposition seiner als 59. Gattungsbeitrag geführten A-Dur Symphonie veranstaltet Joseph Haydn ein Feuerwerk der Einfälle: Einem Oktavsprung folgt der insistierend von den ersten Geigen wiederholte Ton A, der von den einfallenden Oboen imitiert und von auf- und absteigenden Skalen in den tieferen Streichern unterstützt wird. Das Tempo der Tonwiederholungen verdoppelt sich kurzzeitig von Achteln auf Sechzehntel, bevor der beschwingt-ruppige Ausdruckscharakter dieses denkbar einfachen Anfangsgedanken mitten im 5. Takt von einer Kadenzfolge in langsamen Noten und im Piano abgefangen wird. Der Seitensatz schärft das rhythmische Profil durch Triolen, die Durchführung variiert die einfachen Motive in überraschenden Wendungen und Modulationen. Und wo man am Schluss die Bekräftigung des Gehörten im Forte erwarten darf, lässt Haydn den Satz, wie schon Hauptsatz und Exposition, leise verklingen: Musik für ein waches oder doch spätestens bis hier aufgewachtes Publikum.

Man betrachtet die Geschichte der klassischen Symphonie oft so, als habe ihre Entwicklung bei einem bestehenden Modell Ausgang genommen; dabei musste es in Wahrheit erst erschaffen werden. Und gerade bei Haydn kann man oft die überraschende Entdeckung machen, dass vermeintlich erst viel später genutzte Verfahren bereits bei ihm auftauchen. So gilt etwa die Verwendung von Themen über die Grenzen der einzelnen Sätze hinweg als eine erst bei Beethoven und seinen Nachfolgern übliche Methode. Haydn bringt sie wie beiläufig bereits in seiner A-Dur-Symphonie zum Einsatz, wenn er das Thema des Andante im dritten Satz wieder aufnimmt, es dabei allerdings von Moll nach Dur wendet. Der Kontrast zwischen langsamem und Menuett-Satz wird damit nicht in erster Linie thematisch, sondern durch den Dur-Moll-Gegensatz und das Tempo profiliert. Auch Haydns effektvoller Gebrauch von Orchesterfarben macht sich bereits in diesem früh entstandenen Gattungsbeitrag bemerkbar, wenn die im Andante lange schweigenden Blasinstrumente unvermittelt das zweite, nun mit cantabile überschriebene, Thema in neuer Tonart kolorieren. Das Finale hingegen eröffnen allein die Bläser mit Hornquinten und Terzfolgen der Oboen, bevor die Streicher einfallen.

Das Dritte Klavierkonzert von Béla Bartók

Als Haydn 1809 starb, wurde Wien gerade von französischen Truppen eingenommen; Napoleon ließ vor dem Haus des auch in Frankreich bewunderten Komponisten eine Ehrengarde aufstellen. Das Versprechen der legendären Parole des französischen Feldherren, nunmehr sei die Politik das »Schicksal«, hatte den ältesten Protagonisten der Wiener Klassik gerade noch verschont. Dies sollte schon für Haydns kurzzeitigen Schüler Beethoven weniger gelten; und erst recht nicht mehr für die Generation der um 1880 Geborenen, zu denen Béla Bartók gehört. Der von Menschen gemachten Politik, die ihm als Schicksal entgegentrat, bot der ungarische Komponist mit ungewöhnlicher Integrität und Kompromisslosigkeit die Stirn. Nach einer frühen patriotischen Phase reagierte Bartók allergisch und mit zunehmender Vehemenz auf den in Europa grassierenden Nationalismus. Den Nationalsozialismus bezeichnete er unumwunden als »Räuber- und Mördersystem«. Als 1938 keine seiner Partituren in die Ausstellung Entartete Musik in Düsseldorf aufgenommen worden war, protestierte er in einem Brief an das Auswärtige Amt. Und in seinem Testament verfügte er: »So lange, als in Ungarn ein Platz oder eine Gasse nach diesen Männern genannt wird, möge man nach mir in diesem Lande weder einen Platz noch eine Gasse noch ein öffentliches Gebäude nennen«. Mit den »Männern« sind Hitler und Mussolini gemeint, deren Namen zu buchstabieren der Komponist vermied. Auch, wenn er nicht unmittelbar dazu gezwungen war, hatte Bartók seit den späten 1930er-Jahren eine Auswanderung nach Amerika erwogen. Im März 1940 unternahm der Komponist eine Konzerttournee in die Staaten, nicht zuletzt, um vor Ort berufliche Möglichkeiten zu sondieren. Wenige Monate später schiffte er sich mit seiner zweiten Ehefrau Ditta Pásztory nach New York ein.

Das Leben in der Emigration war von finanziellen Nöten, dem Leiden am Lärm der Großstadt, Heimweh und einer schweren, erst nach längerer Zeit als Leukämie diagnostizierten Krankheit überschattet – und brachte gleichwohl eine reiche kompositorische Ernte ein. Sein letztes Klavierkonzert, dessen Uraufführungstermin bereits angesetzt worden war, sollte Bartók jedoch nicht mehr vollenden. Sein Freund Tibor Serly musste die letzten 17 Takte ergänzen und konnte sich dabei auf vorhandene Skizzen stützen. Anders als das zuvor mit großem Erfolg uraufgeführte Konzert für Orchester handelte es sich nicht um eine Auftragskomposition, vielmehr war es der Ehefrau des Komponisten als Geburtstagsgeschenk zugedacht und wurde im Rahmen eines Kuraufenthalts am Saranac Lake im Staat New York geschrieben, wo die Bartóks Erholung von der Krankheit und von der aggressiven Urbanität der Stadt suchten. Die Umgebung hat vermutlich zum lichten Klangcharakter des Stücks, in dem sich Vitalität und Melancholie ergreifend verbinden, beigetragen.

Bartóks Tanz-Suite

In das Jahr 1923 fiel nicht nur die Heirat des Klavierlehrers Bartók mit seiner ehemaligen Studentin in Budapest, sondern auch die Entstehung der Tanz-Suite. Diese ist als Auftragswerk für einen nationalen Anlass geschrieben worden: 1923 wurde der 50. Jahrestag der Entstehung Budapests aus den drei Städten Buda, Pest und Óbuda begangen. Doch neben ungarischer lässt der Komponist in seinem sechssätzigen Werk auch rumänische, slowakische und arabische Volksmusik anklingen, die sich zudem immer wieder vermischt. Üblicherweise hat Bartók dabei die Funde seiner Forschungen nicht direkt zitiert, sondern sich vielmehr von ihren harmonischen und rhythmischen Merkmalen zu eigenen Erfindungen inspirieren lassen. Trotz seines leicht zugänglichen und überaus effektvollen Charakters entbehrt auch dieses Werk nicht der konstruktiven Züge. So lässt der Komponist im Finale die verschiedenen Themen der vorausgegangenen Sätze noch einmal aufmarschieren.

Arcana von Edgard Varèse

Zu den wenigen Gästen bei Bartóks Beerdigung in New York gehörte der in Frankreich geborene, inzwischen allerdings in die USA eingebürgerte Komponist Edgard Varèse. Als dieser 20 Jahre später in derselben Stadt starb, schrieb Pierre Boulez einen Nachruf, der mit dem Abschiedsgruß endete: »Adieu, Varèse, Adieu! Ihre Zeit ist vorbei und beginnt.« Die Prophezeiung sollte sich erfüllen, denn längst hatte sich der Komponist als zentrale und eigenständige Gestalt der musikalischen Moderne etabliert.

In den Weltraum führt Varèses Komposition Arcana. Ihr ist ein Zitat von Paracelsus vorangestellt, in dem der Schweizer Arzt und Philosoph des 16. Jahrhunderts von sieben Sternen spricht, deren letzter den Namen »Imagination« trage und einen weiteren Himmel mit neuen Sternen erzeuge. Dies ist eine Figuration der Unendlichkeit, bringt doch der Stern der Imagination mit den übrigen auch sich selbst ein weiteres Mal hervor, so dass der Prozess von vorne beginnen kann. Paracelsus alchemistische Forschungen scheinen auch zum Titel des Stücks zu führen: Als Arcanum wird eine geheimnisvolle Substanz verstanden, die für Varèse nur eine des Klangs sein konnte. Arcana beginnnt mit einem einfachen, aus den Intervallen der großen und kleinen Sekunde bestehenden Motiv im tiefen Orchesterregister, das in 7- und 5-Viertel-Takten bald rhythmisch variiert wird. In größtem Kontrast und als weiteres bestimmendes Element der Komposition erklingt wenig später ein erstes Fanfarenmotiv. Was genau diese Signale der Ankündigung uns nun verraten sollen, bleibt in Arcana ungewiss. – Arcana steht unter dem Stern der Imagination. Und »Imagination«, so erklärte Varèse in einem Aphorismus, »gibt Träumen die Form«.

Benedikt von Bernstorff

François-Xavier Roth, 1971 in Paris geboren, absolvierte am Konservatorium seiner Heimatstadt zunächst eine Ausbildung als Flötist; später studierte er dort Dirigieren bei János Fürst. Sein Repertoire reicht von der Musik des 17. Jahrhunderts bis zu zeitgenössischen Werken und umfasst alle Gattungen: Symphonik, Oper und Kammermusik. Seit 2015 leitet Roth als Generalmusikdirektor der Stadt Köln sowohl das Gürzenich-Orchester als auch die Kölner Oper; er ist außerdem Erster Gastdirigent des London Symphony Orchestra und Associate Artist der Pariser Philharmonie. Der für seine innovative Programmgestaltung bekannte Künstler arbeitet mit führenden Orchestern wie dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem Boston Symphony Orchestra. 2003 gründete Roth das Orchester Les Siècles, das sowohl auf neuen wie auf alten Instrumenten musiziert – je nach Werk, und oftmals im Wechsel während des gleichen Konzertes. Im Bereich der Oper dirigierte er u. a. Offenbachs Les Brigands und Delibes’ Lakmé an der Opéra-Comique in Paris sowie Wagners Tannhäuser und Die Soldaten von Zimmermann in Köln. Nachwuchsförderung und Musikvermittlung sind weitere wichtige Bestandteile von Roths Arbeit: Gemeinsam mit Les Siècles gründete er die Orchesterakademie Jeune Orchestre Européen Hector Berlioz sowie Presto!, eine Fernsehserie für France 2, die allwöchentlich über drei Millionen Zuschauer erreicht. Zudem engagiert er sich als musikalischer Leiter des Panufnik Young Composers Scheme beim London Symphony Orchestra sowie im JugendprogrammOhrenauf! des Gürzenich-Orchesters. Für seine Verdienste als Musiker, Dirigent und Lehrer wurde Roth 2017 mit dem französischen Verdienstorden »Chevalier de la Légion d’Honneur« ausgezeichnet. Bei den Berliner Philharmonikern gastierte er zuletzt Mitte September 2018 mit Werken von Debussy, Strawinsky, Ligeti und Zimmermann. Mit Les Siècles war er außerdem im September 2019 im Rahmen der Berliner Festspiele zu erleben.

Pierre-Laurent Aimard, 1957 in Lyon geboren, studierte am Pariser Conservatoire bei Yvonne Loriod und Maria Curcio. Mit dem Sieg beim Internationalen Messiaen-Wettbewerb 1973 begann seine internationale Pianistenkarriere. Nicht nur mit Olivier Messiaen, den er schon während seiner Ausbildung kennenlernte, auch mit Karlheinz Stockhausen, György Ligeti oder Pierre Boulez war er durch enge Zusammenarbeit verbunden. Nach wie vor pflegt er einen engen Dialog mit den Komponisten, deren Werke er spielt und oft auch uraufführt, wie zum Beispiel mit György Kurtág oder George Benjamin. Aimard, der heute als einer der bedeutendsten und international bekanntesten Musiker unserer Zeit gilt, war 18 Jahre lang Solopianist des Ensemble intercontemporain. Während dieser Zeit, in der er an vielen Uraufführungen beteiligt war, begründete er seinen Ruf eines der profiliertesten Interpreten zeitgenössischer Musik. Pierre-LaurentAimard tritt weltweit mit namhaften Orchestern und Dirigenten auf, darunter Esa-Pekka Salonen, Peter Eötvös, Simon Rattle und Vladimir Jurowski. Zudem ist er regelmäßig bei allen bedeutenden Festivals zu Gast; von 2009 bis 2016 war er künstlerischer Leiter des Aldeburgh Festivals. Der Künstler ist für seine außergewöhnlichen Solo-Rezitals bekannt und gleichermaßen als Kammermusiker gefragt. Er war Artist in Residence an der Carnegie Hall, am Lincoln Center, im Wiener Konzerthaus, in der Berliner Philharmonie (2006/2007), beim Lucerne Festival, in der Cité de la Musique in Paris, beim Tanglewood Festival und im Londoner Southbank Centre. Aimard wurde vielfach für seine ungewöhnlichen Sichtweisen auf vermeintlich bekanntes Repertoire ausgezeichnet und macht sich auch als Pädagoge an den Hochschulen in Paris und Köln verdient. 2017 wurde er »für ein Leben im Dienste der Musik« mit dem renommierten Ernst von Siemens Musikpreis ausgezeichnet. Seit seinem Debüt als Solist der Berliner Philharmoniker im Januar 2000 (Dirigent: Bernard Haitink) gastiert Pierre-Laurent Aimard regelmäßig in Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker, zuletzt im März 2019. In der Philharmonie Berlin ist er in jüngerer Vergangenheit vor allem im Rahmen des Musikfests Berlin zu erleben, so auch im August und September dieses Jahres.

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