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10. Sep 2017

Berliner Philharmoniker
Susanna Mälkki

Gil Shaham

  • Ferruccio Busoni
    Tanz-Walzer für Orchester op. 53 (13 Min.)

  • Béla Bartók
    Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 Sz 112 (39 Min.)

    Gil Shaham Violine

  • Johann Sebastian Bach
    Partita für Violine solo Nr. 3 E-Dur BWV 1006: Gavotte en Rondeau (4 Min.)

    Gil Shaham Violine

  • Jean Sibelius
    Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 43 (50 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Susanna Mälkki im Gespräch mit Matthew McDonald (15 Min.)

Ferruccio Busoni und die Berliner Philharmoniker verband eine langjährige künstlerische Partnerschaft: Nachdem der Deutsch-Italiener am 11. Februar 1891 mit Beethovens Fünftem Klavierkonzert bei dem Orchester debütiert hatte, war er regelmäßig in den Konzertprogrammen vertreten. Sieben Jahre lang organisierte der Komponist, Dirigent und Pianist mit den Philharmonikern eine Konzertreihe, in der ausschließlich neue Musik und Repertoirespezialitäten zu hören waren: »Die Componisten«, hieß es in einer Ankündigung der Signale für die musikalische Welt, »werden, soweit es angeht, ihre Werke selbst dirigieren und nur da, wo dies unmöglich ist, gedenkt Busoni die Leitung selbst zu übernehmen.« Edward Elgars The Dream of Gerontius bildete am 8. November 1902 den Auftakt der ambitionierten Reihe, die bis 1909 Treffpunkt der zeitgenössischen Avantgarde blieb. Natürlich präsentierte Busoni dem Berliner Publikum auch eigene Werke, die auch nach Auslaufen seiner philharmonischen Neue-Musik-Reihe im Musikleben der Hauptstadt regelmäßig vertreten waren: Die Berliner Philharmoniker übernahmen etwa am 13. Januar 1921 die Premiere seines Tanz-Walzers op. 53.

Mit diesem Werk, das »durch Walzerklänge« inspiriert wurde, »die aus dem Innern eines Kaffeehauses drangen« (Busoni), leitet Susanna Mälkki ihr Gastspiel am Pult der Berliner Philharmoniker ein. Anschließend widmet sich die finnische Dirigentin, die gemeinhin als Spezialistin für zeitgenössische Musik gilt, Béla Bartóks Zweitem Violinkonzert, dessen Kopfsatzhauptthema von Kantabilität und weitgeschwungener Melodik geprägt ist. Das kontrastierende Seitenthema beruht auf einer Zwölftonreihe, die allerdings (ähnlich wie im Violinkonzert von Alban Berg) deutliche tonale Züge aufweist. Solist ist kein Geringerer als Gil Shaham, der immer wieder mit Größen wie Menuhin, Heifetz und Perlman verglichen wurde und zu den erklärten Bewunderern von Bartóks Musik zählt: »Die Musik ist voller Kraft, aber auch empfindsam, sie ist ernst und voller Humor, revolutionär und klassisch. ... Ob er Volksmelodien adaptiert oder in der Zwölftontechnik komponiert, Bartóks Stil und Kunstverstand begeistern mich immer wieder.«

Symphonisches Hauptwerk des Abends ist Jean Sibelius’ Zweite Symphonie, über die schon Karl Flodin, der führende finnische Musikkritiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts, begeistert schrieb: »... je häufiger man dieses geniale Werk hört, desto gewaltiger gehen einem seine Konturen auf, desto tiefer erscheint einem sein seelischer Gehalt und desto prägnanter werden die Anhaltspunkte, die sich für das rechte Verständnis der Komposition bieten.«

Propheten, mit und ohne Vaterland

Busoni, Bartók und Sibelius

Ein Walzer für die Ewigkeit: Ferruccio Busoni

»Von der modernen Musik mache ich wenig Gebrauch«, gestand Hermann Hesse 1952, »etwa bei Ravel und dann Bartók hört mein Interesse auf, doch höre ich am Radio manches Neue nicht ohne Teilnahme. Von den fast schon vergessenen Modernen liebe ich Busoni und Berg.« Offenbar hat auch das Vergessen seine Konjunkturen. Alban Berg ist mit seinem schmalen, aber gehaltvollen Œuvre in den Konzertprogrammen allgegenwärtig. Ferruccio Busoni hingegen muss sich mit dem zwiespältigen Nachruhm einer unbekannten Größe begnügen. Von seinen zahlreichen Schöpfungen geistern nur einige wenige als Raritäten durchs Repertoire: Jede Wiedergabe gerät zur Entdeckung. Zum Beispiel der Tanz-Walzer op. 53, den die Berliner Philharmoniker am 13. Januar 1921 unter Busonis Leitung in der (alten) Philharmonie zur Uraufführung brachten – und danach links liegen ließen: 100 Jahre Schweigsamkeit.

Wie Busoni selbst berichtete, entstand der Tanz-Walzer »zuerst scherzweise (und als Selbstprüfung eigener leichteren Fähigkeit) beim Gehen auf der Straße, veranlaßt durch Walzerklänge, die aus dem Innern eines Kaffeehauses drangen. Das Werk ist dem Andenken Johann Strauß’ gewidmet, den der Komponist aufrichtig bewundert.« Allerdings lief Busonis Walzerfolge eher auf eine Art Mega- oder Meta-Strauß hinaus. Das Leichte, Flüchtige, Altmodische des Tanzes wusste Busoni mit Sinn für Grandezza, Licht und Schatten, Klassizität und Dekadenz zu adeln, zu idealisieren, aus dem Moment ins Monumentale zu erheben. Alles hat seinen Platz in diesem Tanz-Walzer: melodische Anmut, weltmännische Eleganz, hoffmanneske Ironie, mitreißender Schwung, das böse Omen und die Melancholie des Abschiednehmens (von einer Epoche).

An dieser Kunst prallt jede Lüge ab: Béla Bartók

Wer war der größte Komponist des 20. Jahrhunderts? Mit dieser Frage sah sich eines Tages der Geiger Yehudi Menuhin konfrontiert. Sein Gesprächspartner war kein Geringerer als Jean Sibelius. Eine peinliche Situation, denn der Fragesteller gehörte selbst zu den überragenden Künstlerpersönlichkeiten seiner Zeit. Aber der größte? Menuhin wurde aus seiner Verlegenheit befreit, als Sibelius ihm kurzerhand die Antwort abnahm: »Unser bedeutendster Komponist ist Bartók.« Zu Lebzeiten freilich galt Béla Bartók als Prophet in seinem Vaterland nur wenig. Da sein von akribischer Volksliedforschung geprägtes Verständnis der ungarischen Musik nicht im Einklang stand mit den nationalromantischen Ideen seiner Landsleute, musste sich Bartók als »Kosmopolit«, »Antipatriot« und »Verderber der Jugend« beschimpfen lassen. Angesichts dieser aggressiven Propaganda fühlte sich Bartók wie ein Fremder im eigenen Land: »Wo die Politik anfängt, dort hören Kunst und Wissenschaft, hören Recht und Einsicht auf.« Noch ehe er ins amerikanische Exil gehen sollte, wählte Bartók den Weg der inneren Emigration.

Mit einem »visionären Verständnis für das Wesen der musikalischen Logik«, wie es ihm sein Schüler Sándor Veress bescheinigte, vermochte Bartók die ungeschriebenen Gesetze, die typischen Eigenarten, selbst den Vortragsstil der Volksmusik vom Einzelfall des konkreten Liedes oder Tanzes zu abstrahieren – und Kompositionen zu schaffen, denen die musikalische Folklore nicht bloß exotisches Gewürz, sondern innerer Kompass war. Das Zweite Violinkonzert ist ein solches Werk. Die Anregung zu diesem in den Jahren 1937/1938 geschriebenen Konzert empfing Bartók von dem Geiger Zoltán Székely. Zunächst plante Bartók nur einen einzigen Satz, eine Folge von Variationen – vermutlich die Urfassung des Andante tranquillo. Doch dann entsprach er der Bitte Székelys, ein »klassisches«, dreisätziges Violinkonzert zu schreiben, und begann mit der Komposition des einleitenden Allegro non troppo. Dessen Hauptthema gestaltete Bartók nach einem Typus langsamer Tänze, die er in Siebenbürgen kennengelernt hatte. Als Seitenthema erdachte er eine Zwölftonreihe, ohne allerdings aus diesem Einfall die strengen Konsequenzen der Schönberg-Doktrin zu ziehen. Die Themen des ersten Satzes kehren im als »freie Variation« angelegten Finale wieder.

Bartók schuf mit seiner so realen wie radikalen, tausendfach durchdachten, geprüften und geprägten Musik eine Gegenwelt, die alle Ideologien und Herrschaftssysteme nicht bloß überstand, sondern fundamental in Frage stellte. Die Diktatoren kommen und gehen, aber Bartóks musikalische Wahrheiten bleiben unangreifbar: An dieser Kunst prallt jede Lüge ab. Sie bezeugt ein Verantwortungsbewusstsein – kein Ton ist überflüssig, kein Takt unbedacht –, das schon seine Stücke für die Kleinsten, für die Anfänger am Klavier, begründet und mit demselben Ernst, mit derselben Leidenschaft bedenkt wie die avantgardistischen Kompositionen, bei denen selbst die Virtuosen ihre Grenzen kennenlernen.

Der Strom des Wassers formt den Fluss: Jean Sibelius

Rang und Titel des finnischen Nationalkomponisten gebühren unumstritten Jean Sibelius. Seine führende Rolle in der gewaltig erstarkenden Unabhängigkeitsbewegung, in der die Finnen gegen russische Vorherrschaft und schwedische Kulturhegemonie aufbegehrten, trug ihm eine Liebe und Verehrung ein, wie sie selbst größten Künstlern nur selten zuteilwird. Sibelius’ schöpferische Anfänge standen noch im Bann der europäischen Hoch- und Spätromantik, doch trieb ihn die Auseinandersetzung mit der finnischen Mythologie und die Vertrautheit mit der heimischen Volksmusik über die romantische Epoche hinaus zu einem Aufbruch, der an Kühnheit, Originalität, Urwüchsigkeit und Fantastik seinesgleichen sucht.

Sibelius verglich die Symphonie einmal mit einem Strom: »Der Fluss entsteht aus zahllosen Zuflüssen, die alle ihren Weg suchen: die ungezählten Adern, Bäche, Nebenzweige, die den Fluss bilden, bevor er breit und majestätisch dem Meer entgegen flutet. Der Strom des Wassers formt den Fluss: Er gleicht dem Strom der musikalischen Ideen, und das Flussbett, das er bildet, wäre der symphonischen Form gleichzusetzen.« Dieses mythisch überhöhte Naturgesetz entzieht sich grundsätzlich der akademischen Perspektive und zentraleuropäischen Schulweisheit. Nehmen wir nur die Zweite Symphonie D-Dur op. 43, die Sibelius im Februar 1901 während einer Italienreise begann und nach gut einem Jahr beenden konnte: Hören wir im einleitenden Allegretto ein einziges, wandelbares Thema? Oder zwei? Oder gar drei? Für jede dieser Vermutungen ließen sich mühelos musikwissenschaftliche Kronzeugen benennen, die untereinander allerdings nicht allein bei der Zahl der Themen, sondern überdies bei deren taktgenauer Identifikation in unversöhnlichen Streit geraten müssten. Aber derlei Fragen führen ohnehin nicht ans Ziel, Sibelius’ Symphonie setzt sich mit unbändiger schöpferischer Kraft über alle Reißbrettentwürfe hinweg und vermittelt doch das bezwingende Gefühl musikalischer Logik, ein unumstößliches »Nur so und nicht anders«.

Sibelius’ musikalische Ideen klingen wie die Formeln einer magischen Beschwörung, sie geraten in den Sog eines Rituals, verfallen in den Zwischenzustand einer Trance oder steigern sich zu atemberaubender musikalischer Raserei. In der Zweiten Symphonie, so bekannte der finnische Komponist Sulho Ranta, »liegt – wenigstens für uns – etwas Schamanenhaftes, sie versetzt in Ekstase wie die Zaubertrommel«. Am Beginn dieser Partitur standen Gedanken und Skizzen zu einem Orchesterstück, das Sibelius mit dem Arbeitstitel Der steinerne Gast versah (ein Don Juan-Stoff), gleichzeitig aber auch Überlegungen zu einem Zyklus unter dem Motto »Festtage« und sogar Pläne einer Vertonung ausgewählter Verse der Divina Commedia. Am Ende waren all diese literarisch inspirierten Anfänge in den vier Sätzen der D-Dur-Symphonie aufgegangen – in einer Musik, die immer modern war und immer alt ist. Und in über 100 Jahren nicht verwelkt.

Wolfgang Stähr

Susanna Mälkki wurde zunächst als Cellistin ausgebildet; zwischen 1995 und 1998 war sie Solocellistin beim Göteborger Symphonieorchester sowie als Solistin und Kammermusikerin tätig. Ihr Dirigierstudium absolvierte sie an der Sibelius-Akademie in ihrer Heimatstadt Helsinki bei Jorma Panula, Eri Klas und Leif Segerstam; hinzu kamen Meisterkurse bei Esa-Pekka Salonen und erneut bei Jorma Panula. Von 2002 bis 2005 stand sie als künstlerische Leiterin und Chefdirigentin an der Spitze des Symphonieorchesters von Stavanger (Norwegen). Danach leitete sie bis 2013 das Ensemble intercontemperain in Paris, mit dem sie zahlreiche zeitgenössische Werke zur (Ur-)Aufführung brachte. Seit der Spielzeit 2016/2017 ist Susanna Mälkki Chefdirigentin des Philharmonischen Orchesters Helsinki. Sie ist Erste Gastdirigentin des Gulbenkian Orchestra Lissabon und hatte diese Position zuvor beim Los Angeles Philharmonic inne. Susanna Mälkki hat mit führenden europäischen, amerikanischen und japanischen Orchestern zusammengearbeitet, u. a. mit dem San Francisco, Chicago, Philadelphia und New York Philharmonic Orchestra, der New World Symphony, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem London Philharmonic Orchestra, dem BBC Symphony Orchestra sowie Anfang März 2008 mit den Berliner Philharmonikern. Außerdem gastierte sie europaweit an renommierten Festivalorten und Opernhäusern (Metropolitan Opera New York, Opéra national de Paris, Teatro alla Scala, Staatsoper Hamburg). In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker dirigierte Susanna Mälkki zuletzt Ende Juni 2016 die Stipendiaten der Karajan-Akademie. Sie ist Mitglied der Royal Academy of Music in London sowie der Königlich Schwedischen Musikakademie. 2011 wurde ihr in Anerkennung ihrer künstlerischen Verdienste die Medaille »Pro Finlandia« verliehen, 2016 wurde sie zum »Chevalier of the Légion d’honneur« ernannt.

Gil Shaham, 1971 im amerikanischen Staat Illinois geboren und in Israel aufgewachsen, begann seine Violinstudien im Alter von sieben Jahren bei Samuel Bernstein. 1980 wechselte er zu Chaim Taub, der ihm Begegnungen mit Isaac Stern, Nathan Milstein, Henryk Szeryng und Jaime Laredo vermittelte. Nach Kursen bei Dorothy DeLay und Jens Ellerman in den USA gewann der Geiger 1982 den ersten Preis beim israelischen Claremont-Wettbewerb. Anschließend studierte Gil Shaham an der New Yorker Juilliard School of Music, wo er weiterhin von Dorothy DeLay sowie von Hyo Kang ausgebildet wurde. Bereits als Zehnjähriger gab Gil Shaham beim Jerusalem Symphony Orchestra sein Debüt; bald darauf folgte ein Soloauftritt mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta. Heute gastiert der 2008 mit dem begehrten Avery Fisher Prize ausgezeichnete und 2012 von Musical America zum »Instrumentalist of the Year« ernannte Künstler regelmäßig bei den weltweit führenden Orchestern (New York Philharmonic Orchestra, Chicago Symphony Orchestra, Philadelphia Orchestra, Wiener Philharmoniker, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Dresdner Staatskapelle, Israel Philharmonic Orchestra, BBC Symphony Orchestra). Für seine über 30 CD-Einspielungen erhielt er zahlreiche Preise, u. a. den Grammy, den Grand Prix du Disque, den Diapason d’Or und den Gramophone Editor’s Choice. Gil Shaham, der die Stradivari »Gräfin Polignac« von 1699 spielt, gab sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern im Jahr 1988 als Solist im Violinkonzert von Jean Sibelius (Dirigent: Sir Colin Davis). Zuletzt gastierte er hier Ende September 2015 unter der Leitung von Zubin Mehta mit Korngolds Violinkonzert.

musikfest berlinIn Kooperation mit Berliner Festspiele/Musikfest Berlin

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