10. Feb 2018

Berliner Philharmoniker
Adam Fischer

Leonidas Kavakos

  • Anton Webern
    Passacaglia op. 1 (12 Min.)

  • Alban Berg
    Konzert für Violine und Orchester »Dem Andenken eines Engels« (31 Min.)

    Leonidas Kavakos Violine

  • Johann Sebastian Bach
    Sonata für Violine solo Nr. 2 a-Moll BWV 1003: Andante (7 Min.)

    Leonidas Kavakos Violine

  • Antonín Dvořák
    Symphonie Nr. 9 e-Moll op. 95 »Aus der Neuen Welt« (49 Min.)

  • kostenlos

    Interview
    Leonidas Kavakos im Gespräch mit Allan Nilles (31 Min.)

Als der amerikanische Geiger Louis Krasner im Februar 1935 ein Violinkonzert bei Alban Berg bestellte, meinte der Komponist, der Musiker solle sich auf eine lange Wartezeit einstellen. Doch dann kam alles anders: Der Tod der 18-jährigen Manon Gropius, der Tochter Alma Mahlers aus der Ehe mit Walter Gropius, erschütterte Berg zutiefst und setzte zugleich seine kreativen Kräfte frei, sodass er das Werk innerhalb weniger Wochen komponierte. Mit diesem Konzert, das den Titel »Dem Andenken eines Engels« trägt, setzte er nicht nur dem jungen Mädchen, deren Familie er freundschaftlich verbunden war, ein musikalisches Denkmal, sondern schrieb auch gleichzeitig sein eigenes Requiem. Kurze Zeit nach der Vollendung starb Berg. Das auf einer Zwölftonreihe basierende Stück beschreibt zärtlich, innig und expressiv die jugendliche Reinheit Manons, ihre Freude am Leben und ihr tragisches Sterben, das im Zitat des Bach-Chorals »Es ist genug!« seine Katharsis und Überhöhung findet. »Berg lädt uns alle ein, uns etwas hinzugeben, das größer ist als wir«, meint Leonidas Kavakos, der Solist des Programms, der seit seinem philharmonischen Debüt 2003 nicht nur die Violinkonzerte von Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms, sondern auch die wichtigen Gattungsbeiträge des 20. Jahrhunderts mit dem Orchester aufgeführt hat.

Ebenfalls unter dem Eindruck des Todes, nämlich dem der eigenen Mutter, entstand 1908 Anton Weberns Passacaglia, mit der das Programm eröffnet wird. Webern, wie Berg ein Schüler Arnold Schönbergs, gelang es in diesem sich an barocken Formmodellen orientierenden Werk, lyrische und emphatische Klangstimmungen mit einer strengen Kontrapunktik zu verbinden. In der zweiten Konzerthälfte erklingt die Neunte Symphonie von Antonín Dvořák, ein Werk, das der tschechische Komponist 1892 während seines Amerika-Aufenthalts komponierte. »Die Amerikaner erwarten große Dinge von mir«, schrieb Dvořák. »Vor allem soll ich ihnen den Weg ins gelobte Land und in das Reich der neuen, selbständigen Kunst weisen, kurz, eine nationale Musik schaffen!« Tatsächlich gelang es dem Komponisten, in seiner Neunten, die den Beinamen Aus der neuen Welt trägt, dank der glücklichen Mischung aus amerikanischen und böhmischen Idiomen eine ganz eigene Klangwelt zu kreieren. Das Stück ist eines von Dvořáks populärsten Werken. Am Pult steht der Ungar Adam Fischer, der als Einspringer für den erkrankten Bernard Haitink, sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gibt.

»Gesellenstück«, Abschiedswerk und Zukunftsmusik

Werke von Anton Webern, Alban Berg und Antonín Dvořák

Anton Weberns Passacaglia op. 1

1902 nahm Anton Webern ein Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte an der Wiener Universität auf. Zwei Jahre darauf kam er als Kompositionsschüler zu Arnold Schönberg – jedoch nicht als unerfahrener Neuling, sondern als jemand, der sich das meiste, was man zum Komponieren benötigt, schon autodidaktisch beigebracht hatte. Schönberg brachte ihn nun gleichsam auf seinen spezifisch eigenen Weg. Dass das ganz unautoritär und unorthodox geschah, bezeugt ein Aufsatz, den Webern 1912 über Schönbergs Arbeitsweise als Lehrer verfasste. Dort schrieb Webern u.a.: »Schönberg lehrt überhaupt keinen Stil; er predigt weder die Verwendung alter noch die neuer Kunstmittel. Er folgt mit höchster Energie den Spuren der Persönlichkeit des Schülers, sucht sie zu vertiefen, ihr zum Durchbruch zu verhelfen.« Immerhin riet der Lehrer dem Studenten Webern, sich zunächst vor allem mit instrumentaler Kammermusik zu befassen – und die ist auch aus der ersten Unterrichtszeit überliefert. Erst nach seiner Ausbildung bei Schönberg wandte sich Webern größer besetzten Werken zu. Mit der Passacaglia komponierte er nach eigenen Worten sein »Gesellenstück«.

Bei der Wahl der Form für seine erste »große« Komposition dürfte das Passacaglia-Finale der Vierten Symphonie von ein Brahms Modell gewesen sein. Die Passacaglia – oder auch Chaconne – ist ursprünglich ein Tanz sowie eine Variationsform des Barock im Dreiermetrum. Die festgelegte Basslinie (»Basso ostinato«) von meist vier oder acht Takten bildet die Grundlage für eine Folge von Variationen. Bei Webern ist das ein achttaktiges Thema, das die Streicher unisono im Pizzicato vortragen. In der ersten Variation wird das Thema harmonisiert und in der Flöte ein Gegenthema exponiert. Es schließen sich 23 Variationen und eine Coda an. Das mag relativ einfach klingen, geschieht freilich »in so hochdiffiziler Weise, dass, wer dem Verlauf analytisch folgen möchte, gut beraten ist, auf die Wiederkehr der allen Variationen gemeinsamen Achttaktigkeit zu hören. Er sollte allerdings auf starke Modifikationen des Tempos gefasst sein und sich nicht von den drei mächtigen Steigerungswellen aus seinem Hörkonzept bringen lassen. Das Hauptthema oder Bestandteile desselben wird er in allen Lagen wiederfinden, wenn auch mit immer größerer Mühe: Es wird nämlich nach und nach dekomponiert«. (Jens Hagestedt)

Alban Bergs Violinkonzert

Scheinbar einfach, leicht verständlich und doch kompliziert und minutiös durchorganisiert – diese paradox erscheinende Charakterisierung trifft auch auf das Violinkonzert von Alban Berg zu.Zur ambivalenten Wirkung des Werks trägt ein weiteres Moment bei: Dieses erste streng zwölftönig komponierte Solokonzert steht unüberhörbar in der klassischen Überlieferung. Berg erinnert die tonale Tradition und bezieht sie in die Komposition mit zwölf Tönen ein. In diesem Verfahren unterscheidet er sich von Schönberg und Webern.

Der äußere Anlass zur Komposition war ein Auftrag des aus der Ukraine stammenden amerikanischen Geigers Louis Krasner, der Berg im Frühjahr 1935 darum bat, ein Konzert für ihn zu schreiben. Zum diesem äußeren Anlass kam ein innerer: Am 22. April 1935 starb Manon Gropius, Alma Mahlers Tochter aus der kurzen Ehe mit Walter Gropius, im Alter von 19 Jahren an Kinderlähmung. Berg, ein Freund des Ehepaars Mahler-Werfel, war tief erschüttert. Er unterbrach die Arbeit an seiner Oper Lulu und begann wenige Tage später am Wörthersee die Komposition des Violinkonzerts – in der Absicht, »Wesenszüge des jungen Mädchens in musikalische Charaktere umzusetzen«.

Das Konzert besteht aus zwei Sätzen, die ihrerseits zweiteilig gebaut sind: Andante – Allegretto, Allegro – Adagio. Das wiederum dreiteilige Andante kann gedeutet werden als Charakterisierung der jungen Manon Gropius. Eigentümlich, fast irritierend ist der Beginn: Der Solist streicht sehr zart und zögernd über die leeren Saiten der Geige, als ob er sich und sein Instrument einstimmen wolle. Ohne Unterbrechung folgt ein Scherzo mit zwei Trios (Allegretto) – mit Walzer- und Ländler-Anklängen (Reminiszenzen an Mahler) und der Kärntner Volksweise »Ein Vogerl auf’m Zwetschgenbaum«, freundlich, heiter gestimmt. Der zweite Satz »schildert« Krankheit und Tod der Manon Gropius. Im Allegro kulminiert das Geschehen, erreicht das Konzert überhaupt seinen dramatischen Höhepunkt mit einem fast brutalen Ausbruch des Orchesters, unterbrochen von der Kadenz der Violine. Daran schließt sich das Adagio an mit einem zunächst in den Holzbläsern intonierten Bach-Choral, der zweimal variiert wird. Der Schluss evoziert noch einmal den Beginn des Konzerts. Die Violine schwingt sich in gleichsam transzendente Höhen, ins Immaterielle auf. Es herrscht ein traurig-schmerzlicher Ton. Berg zeichnet ein »Bild des Abschieds« (Willi Reich) mit vielleicht doch auch versöhnlichen Zügen.

Die der Komposition zugrundeliegende Zwölftonreihe besteht aus aufsteigenden Dreiklang­folgen von g-Moll (g-b-d), D-Dur (d-fis-a), a-Moll (a-c-e) und E-Dur (e-gis-h) sowie drei Ganztonschritten (cis-dis-f) am Ende. Diese bilden auch den Beginn des Chorals »Es ist genug« aus Bachs Kantate »O Ewigkeit, du Donnerwort«, den Berg in das Finale des Werks aufnahm.

Bei aller Virtuosität ist Bergs Schöpfung kein Konzert im klassischen Sinne, bei dem der Solist das Geschehen stark dominiert und sich selbst gebührend in Szene setzt. Die Solovioline wird oft ins orchestrale Geschehen einbezogen und geht im Klang des Orchesters auf. Dessen Satz ist dem der Solopartie immer ebenbürtig und hat nie nur eine »begleitende« Funktion. Die Komposition ist zwar keine Symphonische Dichtung à la Liszt oder Strauss, aber doch eine Tondichtung bzw. ein dramatisches Konzert, das allein durch den Titel Dem Andenken eines Engels programmatisch bezeichnet ist.

Helge Grünewald

Antonín Dvořáks Neunte Symphonie

Das Musikleben New Yorks war gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch stark von deutschen und italienischen Traditionen geprägt. Erst allmählich entstand der Wunsch nach einer spezifisch amerikanischen Tonkunst. Entscheidende Impulse dazu gab Jeannette Thurber, die musikbegeisterte Tochter eines aus Dänemark eingewanderten Geigers. 1885 hatte sie in New York das National Conservatory of Music of America, gegründet. Sechs Jahre später lud sie Antonín Dvořák telegrafisch ein, dessen Direktor zu werden: Für nur acht Monate Unterricht und sechs Konzerte pro Jahr sollte er 15.000 Dollar erhalten – das 25-fache seines Prager Einkommens. Im September 1892 traf Dvořák im New Yorker Hafen ein. Zwei Monate später berichtete der Komponist nach Prag: »Die Amerikaner erwarten große Dinge von mir. Vor allem soll ich ihnen den Weg ins gelobte Land und in das Reich der neuen, selbständigen Kunst weisen, kurz, eine nationale Musik schaffen!«

Dvořák sympathisierte mit dem Wunsch seiner Gastgeberin, die schwarze Bevölkerung besonders zu fördern. Eines Tages traf er im Konservatorium den afroamerikanischen Gesangsstudenten Harry T. Burleigh, der sich sein Unterrichtsgeld damit verdiente, dass er die Flure kehrte. Die Negro Spirituals, die er dabei sang, faszinierten den neuen Hochschuldirektor. Im Mai 1893 erklärte er in einem Zeitungsinterview: »Ich bin jetzt überzeugt, dass die zukünftige Musik dieses Landes auf der Grundlage der sogenannten Negermelodien aufgebaut werden muss. Diese können Fundament für eine ernstzunehmende und eigenständige amerikanische Kompositionsschule sein.« Dvořák engagierte Burleigh als seinen Assistenten: Der Student half dem Meister beim Notenschreiben, musste ihm aber auch oft vorsingen, um ihn zum Schaffen zu inspirieren.

Ohne Spirituals, Plantagenlieder oder Indianermusik direkt zu zitieren, griff der Komponist in seiner Neunten Symphonie doch einige charakteristische Elemente auf. So finden sich schon in der langsamen Einleitung Pentatonik und plagale Kadenzen. Im Hauptthema des ersten Satzes gibt es jene Art von Synkopen, die man als scotch snap bezeichnet. Weitere amerikanische Eigenheiten sind beim zweiten Thema die erniedrigte Septime sowie die begleitenden Bordunquinten. Ganz auf Pentatonik beruht das melancholische Englischhornthema im langsamen Satz. Als ein Merkmal der amerikanischen Folklore hatte Dvořák auch das Umkreisen eines Zentraltons erkannt, wie er es im Hauptthema des Finales realisierte. Anders als in seinen früheren Symphonien verarbeitete er in dem neuen Werk die Themen meist nicht symphonisch, sondern wiederholte sie unverändert, was zur Eingängigkeit beitrug.

Dvořáks Symphonie wurde als Ergebnis seiner Studien zur sogenannten Neger- und Indianermusik angekündigt, weshalb die von den New Yorker Philharmonikern gespielte Uraufführung von großen Erwartungen begleitet war. Schon nach dem zweiten Satz jubelte das Publikum und Dvořák musste sich in seiner Loge verbeugen. Noch größer war der Triumph am Schluss. Die New York Herald Tribune pries das neue Werk als »eine Symphonie, die zeigt, dass es amerikanische Kunstmusik gibt«.

Albrecht Dümling

Adam Fischer studierte in seiner Geburtsstadt Budapest und setzte seine Ausbildung an der Wiener Musikhochschule in der Meisterklasse von Hans Swarowsky fort. Er war Generalmusikdirektor in Freiburg (1981 – 1983), Kassel (1987 – 1992) und Mannheim (2000 – 2005), bis er von 2007 bis 2010 als Künstlerischer Leiter der Budapester Oper in seine Heimatstadt zurückkehrte. Dem Danish Chamber Orchestra in Kopenhagen ist Adam Fischer seit 1998 als Chefdirigent verbunden, seit 2015 leitet er in gleicher Position auch die Düsseldorfer Symphoniker. Er gründete die Wagner-Tage in Budapest und die Haydn-Tage in Eisenstadt. Zudem rief er die Österreichisch-Ungarische Haydn-Philharmonie ins Leben, mit der er in seiner langen Zeit als Chefdirigent neue Maßstäbe der Haydn-Interpretation setzte. Gastdirigate führten den Träger des von der Dänischen Königin verliehenen Order of Dannebrog weltweit zu bedeutenden Orchestern sowie an renommierte Opernhäuser. Mit der Jungen Deutschen Philharmonie war Adam Fischer u. a. mit Gustav Mahlers Siebter Symphonie erstmals in einem Konzert der Stiftung Berliner Philharmoniker zu erleben. Am Pult der Berliner Philharmoniker gibt er nun sein Debüt.

Leonidas Kavakos wurde 1967 in Athen geboren und begann im Alter von fünf Jahren Violine zu spielen. Sein Studium absolvierte er bei Stelios Kafantaris am Konservatorium seiner Heimatstadt und bei Josef Gingold an der Universität von Indiana. 1985 ging Kavakos als Sieger aus dem Sibelius-Wettbewerb in Helsinki hervor, 1988 gewann er die Naumburg Violin Competition in New York und den Premio Paganini in Genua. Anschließend machte er sich dem Publikum durch zahlreiche Auftritte in amerikanischen und europäischen Musikmetropolen bekannt. Heute konzertiert der Geiger mit den bedeutendsten Orchestern und Dirigenten in aller Welt. Zudem widmet er sich auch selbst dem Dirigieren: Von 2007 bis 2009 war er Artistic Director der Camerata Salzburg, die er seit 2002 schon als Principal Guest Artist bei zahlreichen Konzerten geleitet hatte. Außerdem dirigierte Kavakos das London, das Boston und das Houston Symphony Orchestra, das Budapest Festival Orchestra, das Rotterdam Philharmonic, die Wiener Symphoniker sowie das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin. Zu seinen Partnern im Bereich der Kammermusik zählen Emanuel Ax, Renaud und Gautier Capuçon, Hélène Grimaud, Yuja Wang und Elisabeth Leonskaja. 2016/2017 prägte Leonidas Kavakos als Artist in Residence die Saison der New Yorker Philharmoniker. In dieser Spielzeit ist er in gleicher Position dem Amsterdamer Concertgebouw und dem Wiener Musikverein verbunden. Sein Zyklus aller Beethoven-Sonaten mit Enrico Pace wurde 2013 mit dem Echo Klassik ausgezeichnet, 2014 erhielt er den Gramophone Artist of the Year Award. Im Januar 2017 wurde ihm zudem der prestigeträchtige Léonie-Sonning-Musikpreis verliehen. Bei den Berliner Philharmonikern, denen er in der Spielzeit 2012/2013 als Artist in Residence verbunden war, hat Leonidas Kavakos seit seinem Debüt im Mai 2003 wiederholt gastiert. Zuletzt war er in den Berliner Konzerten des Orchesters Ende Januar/Anfang Februar 2015 mit dem Violinkonzert von Jean Sibelius zu hören, Dirigent war Sir Simon Rattle.

Jetzt ansehen

Testen Sie die Digital Concert Hall

Testen Sie die Digital Concert Hall

Sehen Sie ein Konzert mit Symphonien von Ludwig van Beethoven, dirigiert von Sir Simon Rattle.

Kostenloses Konzert ansehen