Emmanuelle Haïm dirigiert Händels »Feuerwerksmusik«

Emmanuelle Haïm dirigiert Händels »Feuerwerksmusik«
Das gewählte Konzert wird bearbeitet und steht in Kürze zur Verfügung.

19. Okt 2019

Berliner Philharmoniker
Emmanuelle Haïm

Lucy Crowe, Florian Sempey

  • Henry Purcell
    Suite aus der Semi-opera The Fairy Queen

  • Georg Friedrich Händel
    Feuerwerksmusik HWV 351

  • Georg Friedrich Händel
    Apollo e Dafne, Kantate für Sopran, Bass, Flöte, Oboe, Streicher und Basso continuo HWV 122

    Lucy Crowe Sopran, Florian Sempey Bariton

Emmanuelle Haïm studierte am Konservatorium ihrer Heimatstadt Paris Klavier und Orgel, bis sie das Cembalo und damit die Welt der Alten Musik für sich entdeckte. Als musikalische Assistentin von William Christie und Cembalistin in dessen Ensemble Les Arts Florissants verdiente sie sich erste musikalische Sporen. Im Jahr 2000 gründete sie dann ihre eigene Formation, Le Concert dʼAstrée, mit der sie bis heute weltweit gastiert und immer wieder preisgekrönte Einspielungen von Werken des musikalischen Barockzeitalters vorlegt. Als ausgewiesene Spezialistin für historische Aufführungspraxis stand Emmanuelle Haïm aber schon bald auch am Dirigentenpult von Klangkörpern wie dem Orchestra of the Age of Enlightenment, dem City of Birmingham Symphony Orchestra, dem Scottish Chamber Orchestra, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin oder dem hr-Sinfonieorchester in Frankfurt am Main.

Ihre Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern geht auf das Jahr 2002 zurück: Damals war sie als Assistentin von Sir Simon Rattle als Continuospielerin an Aufführungen von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion beteiligt. 2008 gab Emmanuelle Haïm mit Aufführungen von Georg Friedrich Händels Cäcilien-Ode dann ihr Debüt am Dirigentenpult der Berliner Philharmoniker, drei Jahre später leitete sie ein philharmonisches Konzertprogramm mit Werken von Händel und Jean-Philippe Rameau, das ein der Musik des französischen Komponisten gewidmetes Education-Projekt nach sich zog. Seitdem hat Emmanuelle Haïm das Repertoire der Berliner Philharmoniker immer wieder um selten gespielte Werke bereichert, darunter etwa Händels Oratorium La resurrezione, das sie 2014 in der Philharmonie zur Aufführung brachte.

Überhaupt ist Händel ein Komponist, welcher der charismatischen Musikerin besonders am Herzen liegt – nicht zuletzt, weil sie nach eigener Aussage dessen einzigartiges Gespür für die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme besonders schätzt. Kein Wunder also, dass Emmanuelle Haïm für diese Konzerte der Berliner Philharmoniker neben der Feuerwerksmusik, einem 1749 uraufgeführten orchestralen Evergreen Händels, mit der Kantate Apollo e Dafne auch eine selten zu hörende, ganz im Banne der italienischen Oper des frühen 18. Jahrhunderts stehende Vokalkomposition des Komponisten auf das Programm gesetzt hat. Den Auftakt dieses Konzertabends bilden Auszüge aus Henry Purcells 1692 in London aus der Taufe gehobenem, auf William Shakespeares Sommernachtstraum basierendem Bühnenwerk TheFairy-Queen.

Maskerade, Liebesklage, Feuerwerk

Musik von Henry Purcell und Georg Friedrich Händel

Die chinesische Daphne: ein Traumspiel – Suite aus Purcells Fairy Queen

Als Henry Purcell 1659 das Licht Britanniens erblickte ging in seinem Heimatland eine Epoche aggressiver Musikverachtung zu Ende. Das Militärregime von Oliver Cromwell hatte eine unter religiösen Eiferern keineswegs seltene Kulturfeindlichkeit an den Tag gelegt. Die erzpuritanischen Tugendwächter des Commonwealth of England beargwöhnten jede Pracht und höfische Repräsentation, sie reglementierten die Kirchenmusik fast bis zum Verstummen, verbrannten Noten, vernichteten Instrumente, demolierten oder demontierten Orgeln und verriegelten die Theater. In der Ära der Restauration jedoch, ab 1660, erneuerte der aus dem Exil auf den englischen Thron zurückgekehrte König Charles II. nicht allein die Herrschaft der Stuarts, sondern auch die weltoffene höfische Musikkultur. Und zu einem ihrer Protagonisten avancierte schon in jungen Jahren Purcell, der 1677 in das Amt eines »Composer for the Violins« berufen wurde. In rascher Folge eroberte er obendrein die Schlüsselpositionen eines Organisten an Westminster Abbey, eines »Gentleman« in der Chapel Royal (das bedeutete: Gesang und Orgelspiel) und schließlich des »Keeper of the King’s instruments«. Purcell aber wird in England vor allem als »the greatest English opera composer« gerühmt, obgleich er strenggenommen mit Dido and Aeneas bloß eine einzige Oper geschrieben hat: eine einzige »all-sung opera«, um genau zu sein. Doch mit Werken wie Dioclesian, King Arthur oder The Fairy-Queen hinterließ Purcell durchaus musikalische Dramen, Semi-operas in der Schnittmenge des Schauspiels und des Musiktheaters.

Geist- und maßvoll, tief empfunden und zu nobelster Schönheit verklärt – so ertönt der Klagegesang »O let me weep« aus Purcells dritter Semi-opera, der 1692 in London uraufgeführten Fairy Queen – frei nach Shakespeares Sommernachtstraum. Mit dieser fabulösen, von Liebeswahn und Elfenspuk begeisterten Komödie hat Purcells Lamento allerdings rein gar nichts zu tun. Denn Purcell vertonte nicht Shakespeares Verse, sondern schuf für jeden der fünf Akte eine Masque, die im weitesten Sinne symbolisch mit der umgebenden Handlung verbunden ist, operngeschichtlich den burlesken Intermezzi der Italiener zu vergleichen oder mehr noch den gesungenen und getanzten Divertissements der französischen Tragédie en musique. Ohnehin verschmähte Englands größter Opernkomponist mitnichten die musikalischen Gaben konkurrierender Nationen – bis hin zu Ouverture, Plainte und Chaconne, Zeugnissen verfeinerter französischer Lebensart in einem nicht länger puritanisch dominierten Britannien. Ja, Purcell wagte sich weit hinaus bis zu der exotischen Fantasterei im Finale, einem Potpourri aus griechischer Mythologie und modischer Chinoiserie: »Thus happy and free«, singt eine »Chinese woman«, die gleichwohl anschließend von ihrem »Chinese man« mit dem Namen Daphne angesprochen wird. So bizarr, irrational, alogisch und romantisch geht es zu auf Purcells Theater – fast wie im Traum.

Der Lorbeer der Liebe: ein Zweikampf–Händels»La terra è liberata« (Apollo e Dafne)

Auf das Stichwort »Daphne« betritt Georg Friedrich Händel die Szene. In Italien schuf der Komponist aus Halle »La terra è liberata« (Apollo e Dafne) HWV 122. Oder, um genau zu sein, er begann dort mit der Arbeit. Vollendet und uraufgeführt wurde die Kantate erst 1710 in Hannover, nachdem Händel dort zum Hofkapellmeister des Kurfürsten ernannt worden war. Doch hielt es ihn nicht lange in deutschen Landen. Noch im selben Herbst reiste er zum ersten Mal nach England, um sich binnen weniger Wochen im innersten Zirkel der Macht zu etablieren, am Hof der britischen Königin Anne Stuart. Zu ihrem Geburtstag, am 6. Februar 1711, wurde »a fine Consort, being a Dialogue in Italian, in Her Majesty’s Praise« dargeboten: allem Anschein nach die Kantate La terra è liberata.

Der unbekannte Textdichter der Kantate hat die erste Arie der Daphne hintersinnig mit dem Anfang verknüpft: Während Apoll zu Beginn mit dem Ausruf auftrumpft: »Die Erde ist befreit!«, preist sie die Seele glücklich, die nichts als die Freiheit liebt. Er spricht von elementarer Unterwerfung, sie besingt den Frieden einer unberührten Existenz. Der Komponist reizt diesen Gegensatz aus, indem er Apoll eine stolze, herrschaftliche, kriegerische Musik zuordnet, Daphne hingegen mit einer sanften Pastorale porträtiert, denkbar unherrisch und unheroisch – im zweiten Teil ihrer Arie singt sie sogar »senza bassi«, nur von der Oboe und den Violinen begleitet: das Gleichnis eines gefährdeten Idylls, einer bodenlosen Welt. Und prompt öffnet sich der Abgrund, als ihr Apoll, von Amors goldenem Pfeil verwundet, in die Quere kommt und sie und sich ins Unglück stürzt. Händel inszeniert das Drama des Geschlechterkampfs ohne Bühne und Bild, allein durch den musikalisch definierten Raum, die vokalen Aktionen und Attacken. Arie um Arie gerät die Welt aus den Fugen, in den entfesselten Stimmen der Instrumente, die einander jagen und voreinander fliehen, als böses Omen der drohenden Katastrophe. Er zeichnet in den Unisoni der Violinen und im Solo des Cellos die auflodernden Leidenschaften, Furor und Rage, mit den hektischen Ausschlägen eines Seismographen auf. Oder er verdoppelt das Rollenspiel, wenn etwa Violine und Fagott wie »die Schöne und das Biest« als ungleiches Paar duettieren, in der fast schon letzten Arie der Kantate. »Lauft, meine Füße, meine Arme, ergreift die widerspenstige Schöne«, singt Apoll. Doch dann geschieht das Wunder der Verwandlung, die Rettung der verfolgten Unschuld: Die Nymphe wechselt ihre Gestalt, mutiert zum heiligen Lorbeerbaum, für alle Zeiten befreit von den Umtrieben einer liebestollen Männerwelt. Apoll bleibt nur ein wehmütiger Abschiedsgesang, der in jeder Hinsicht das glatte Gegenteil seines siegesgewissen Entrée bezeichnet, so leise, langsam, keusch und scheu klingt die Kantate aus, sie verstummt geradezu, sie nimmt sich zurück: mit einem Grabeslied auf die unerwiderte Liebe (und den gestürzten Hochmut).

Das grenzenlose Europa: Händels Feuerwerksmusik

Diese »excellent Musick« war nicht unerhört geblieben. Noch 1713 wurde »George Frideric Handel« durch Queen Anne mit einer lebenslangen königlichen Pension von £ 200 belohnt, wenige Jahre später von ihrem Thronfolger George I. zum »Composer of Musick for his Majesty’s Chappel Royal« erhoben. Wenn in prächtigster Festtagsstimmung seine Musick for the Royal Fireworks HWV 351 erklingt, erstrahlt Großbritannien in stolzer Größe und schönstem Glanz. Oder vielleicht doch nicht? Die Feuerwerksmusik, komponiert zur Feier des Aachener Friedens, wurde am 21. April 1749 in den Londoner Vauxhall Gardens vor angeblich 12.000 Menschen erprobt und danach am 27. April im Green Park nahe dem St. James’s Palace vor dem König zelebriert – ein pyrotechnisches Spektakel, von einem martialisch besetzten Orchester mit jeweils neun Trompeten und Hörnern, 24 Oboen, 12 Fagotten, einem Kontrafagott, drei Paar Kesselpauken und Militärtrommeln lautstark unterstützt. Noch im Mai 1749 richtete Händel für eine Aufführung der Feuerwerksmusik im geschlossenen Saal die heute gebräuchliche Fassung mit Streichern und Bläsern ein.

Als Hände dieses Paradestück britischer Macht und Würde erdachte, orientierte er sich ganz selbstverständlich an der Kultur des ärgsten Kriegsfeindes, denn seine Musick for the Royal Fireworks hebt an mit einer zweiteiligen französischen Ouverture, wie sie Jean-Baptiste Lully, der Hofkomponist des Sonnenkönigs Louis XIV begründet hatte. Um nun aber die Verwirrung noch auf die Spitze zu treiben, sei daran erinnert, dass Lully kein Franzose, sondern ein Italiener war, Giovanni Battista Lulli aus Florenz. Welch eine Ironie der Geschichte, jedenfalls der Musikgeschichte! Und so feiert dieses Feuerwerk das grenzenlose Europa – mit der Einsicht, dass zwischen Wurzellosigkeit und nationaler Kulturhegemonie ein weiter Raum bleibt: für die Musik, die Kunst und das heimatlose, heimatliebende Leben.

Wolfgang Stähr

Emmanuelle Haïm studierte Klavier bei Yvonne Lefébure, Orgel bei André Isoir sowie Cembalo bei Kenneth Gilbert und Christophe Rousset am Pariser Conservatoire National Supérieur de Musique. Sie avancierte schnell zu einer der führenden Continuo-Spielerinnen für das barocke Opern- und Konzert-Repertoire und arbeitete mit Sängern wie Natalie Dessay, Ian Bostridge, Philippe Jaroussky und anderen als Begleiterin bei deren Solo-Auftritten. Nachdem sie als Assistentin mit Dirigenten wie William Christie, Marc Minkowski und Sir Simon Rattle zusammengearbeitet hatte, gründete Emmanuelle Haïm im Jahr 2000 das Barockensemble Le Concert d’Astrée, mit dem sie bereits zweimal in der Reihe Originalklang im Kammermusiksaal zu hören war (November 2008 sowie März 2016) und Ende November 2019 erneut zu Gast ist. Als Dirigentin brachte Emmanuelle Haïm mehrere Opern des 17. und 18. Jahrhunderts mit der Glyndebourne Touring Opera und beim Glyndebourne Festival zur Aufführung. Darüber hinaus gastiert sie regelmäßig u. a. beim City of Birmingham Symphony Orchestra, beim Scottish Chamber Orchestra, beim hr-Sinfonieorchester Frankfurt und beim Los Angeles Philharmonic; 2018 gab sie ihr Debüt beim Leipziger Gewandhaus und beim New York Philharmonic. In einer Neuproduktion von Rameaus Hippolyte et Aricie dirigierte sie im Mai 2019 erstmals am Opernhaus Zürich. Bei den Berliner Philharmonikern debütierte Emmanuelle Haïm im März 2008 mit Händels Cäcilien-Ode HWV 76 und dirigierte das Orchester zuletzt Ende Oktober 2014 in drei Konzerten, in denen Händels Oratorium La Ressurezione auf dem Programm stand. Die Künstlerin ist Ehrenmitglied der britischen Royal Academy of Music; in Frankreich wurden ihr die Orden »Officier des Arts et des Lettres« und »Chevalier de la Légion d’honneur« verliehen.

Lucy Crowe, in Staffordshire (England) geboren, studierte an der Royal Academy of Music in London. Als eine der führenden lyrischen Sopranistinnen ihrer Generation war die Sängerin als Adele (Die Fledermaus) und Servilia (La clemenza di Tito) an der Metropolitan Opera in New York zu erleben sowie als Eurydice (Orphée et Eurydice), Adina (L’elisir d’amore), Susanna (Le nozze di Figaro), Gilda (Rigoletto) und Belinda (Dido and Aeneas) am Londoner Royal Opera House, Covent Garden. Weitere Engagements führten Lucy Crowe an die Deutsche Oper Berlin, die Bayerische Staatsoper München, die English National Opera und zum Glyndebourne Festival, wo sie in den Rollen Sophie (Der Rosenkavalier), Rosina (Il barbiere di Siviglia), Dona Isabel (The Indian Queen), Poppea (Agrippina) und Micaëla (Carmen) große Erfolge feierte. Als gleichermaßen begehrte Konzertsängerin arbeitet sie mit führenden Orchestern und mit Dirigenten wie Gustavo Dudamel, Sir John Eliot Gardiner, Emmanuelle Haïm, Andris Nelsons, Esa-Pekka Salonen und Sir Simon Rattle zusammen und gastierte bei den Festivals in Aldeburgh, Edinburgh und Salzburg sowie beim Mostly Mozart Festival in New York; außerdem gab sie Liederabende in der Londoner Wigmore Hall, der New Yorker Carnegie Hall und im Amsterdamer Concertgebouw. Bei den Berliner Philharmonikern war sie erstmals im Oktober 2017 in der Titelrolle von Leoš Janáčeks Füchsin Schlaukopf zu hören; zuletzt gastierte sie bei ihnen im Dezember 2018 in Gustav Mahlers Zweiter Symphonie, die Leitung hatte Andris Nelsons.

Der französische Bariton Florian Sempey begann seine musikalische Ausbildung am Klavier, wechselte dann aber in die Gesangsklasse von Françoise Detchnenique am Conservatoire de Libourne. 2007 wechselte er ans Conservatoire national de Bordeaux in die Klasse von Maryse Castets. Darüber hinaus besuchte er Workshops und Meisterklassen, u. a. bei François Le Roux, Roland Mancini oder Sophie Landy. 2008 wurde Sempey mit dem Prix Opéra und dem Publikumspreis beim Concours de chant des amis du Grand Théâtre der Opéra national de Bordeaux ausgezeichnet. Nach seinem Bühnendebüt als Papageno in Bordeaux und einigen kleineren Rollen wurde der Figaro in Rossinis Barbiere di Siviglia seine Paraderolle, die er inzwischen auch in Paris, beim Rossini-Festival 2014 in Pesaro, am Royal Opera House, Covent Garden sowie in Marseille und Luxemburg verkörperte. Von 2010 bis 2012 war er Mitglied des Opernstudios der Opéra de Paris. Seither ist er dort regelmäßig zu hören, etwa in Produktionen von Les Huguenots, La cenerentola oder in Robert Carsens Inszenierung der Zauberflöte. An der Opéra-Comique de Paris sang er Dr. Falke (Die Fledermaus) in einer Inszenierung von Ivan Alexandre unter Leitung von Marc Minkowski. An der Deutschen Oper Berlin war der Bariton als Alphonse XI. (Donizettis La favorite) sowie zuletzt im Juni 2019 konzertant in der Titelpartie von Ambroise Thomasʼ Hamlet an der Seite von Diana Damrau zu erleben. In den Konzerten der Berliner Philharmoniker gibt Florian Sempey nun sein Debüt.

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