29. Apr 2016

Berliner Philharmoniker
Andris Nelsons

  • Richard Wagner
    Parsifal: Vorspiel zum 1. Akt und Karfreitagszauber aus dem 3. Akt (28 Min.)

  • Anton Bruckner
    Symphonie Nr. 3 d-Moll (Fassung von 1889) (65 Min.)

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    Interview
    Andris Nelsons im Gespräch mit Gunars Upatnieks (5 Min.)

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    Interview
    Wagner und Bruckner: eine Einführung von Susanne Stähr (14 Min.)

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    Interview
    Musiker der Berliner Philharmoniker sprechen über Anton Bruckner (8 Min.)

Richard Wagner sei – so Andris Nelsons – sein Lieblingskomponist. »Wagners Musik geht über den Intellekt, über eine Erklärung in Worten, hinaus. Sie ist überirdisch. Wenn ich diese Musik dirigiere, fühle ich mich wie in einer vollkommenen Welt«, schwärmte der Dirigent in einem Interview. Bereits am Anfang seiner Karriere, als Chef der lettischen Nationaloper in Riga, machte Nelsons mit der musikalischen Leitung der Neuinszenierung von Wagners Ring des Nibelungen auf sich aufmerksam. 2010 debütierte er mit dem Lohengrin bei den Bayreuther Festspielen.

In seinem Berliner Konzert erklingen das Vorspiel zum ersten und der Karfreitagszauber aus dem dritten Aufzug des Parsifal. Dieses Bühnenweihfestspiel mit seiner religiösen Symbolik und expressiven Klangsprache bezeichnete Wagner als sein »Weltabschieds-Werk«. Die Thematik der Erlösung, ein Grundthema im Schaffen des Komponisten, erfährt hier eine transzendente Überhöhung: »Durch Mitleid wissend, der reine Tor« – sein Held Parsifal entsagt den sinnlichen Verführungen dieser Welt und wird dadurch zum mitfühlenden Heilsbringer. Die Uraufführung des Werks im Juli 1882 bescherte Wagner wenige Monate vor seinem Tod einen letzten großen Erfolg.

Zum Premierenpublikum gehörte auch Anton Bruckner, der Wagner grenzenlos verehrte. Für den Österreicher war dieser der »Meister aller Meister«. Mit gutem Grund. Erst nachdem Bruckner Wagners Musik kennengelernt hatte und von ihr zutiefst berührt worden war, fand er den Weg zu seinem eigenen, persönlichen Stil. Seine monumentale Dritte Symphonie, in der der Komponist Konzepte der Ersten und Zweiten miteinander verband, widmete Bruckner seinem großen Vorbild Richard Wagner, »dem unerreichbaren, weltberühmten und erhabenen Meister der Dicht- und Tonkunst, in tiefster Ehrfurcht«.

Wegkreuzungen – Kreuzwege

Anton Bruckner und Richard Wagner in ihren Begegnungen

Bayreuth I

Anton Bruckner verlässt im September 1873 Marienbad, wohin er vor der in Wien wütenden Cholera geflüchtet war. Mit seiner Zweiten und der noch unfertigen Dritten Symphonie im Gepäck reist er nach Bayreuth, wild entschlossen, eine der beiden dem verehrten Meister Richard Wagner zu widmen. Ihm ist mulmig, als er unangemeldet vor der Haustür Wagners steht, doch er beweist Hartnäckigkeit und lässt sich erst fortschicken, nachdem man ihm versichert hat, Wagner würde sich seine Partituren ansehen. Er solle zur Mittagsstunde wiederkommen.

Zürich I

Als politisch Verfolgter flüchtet Wagner 1849 in die Schweiz. Zusammen mit seiner Frau Minna lässt er sich in Zürich nieder. Ende April 1857 ziehen sie in die unmittelbare Nähe des Ehepaares Wesendonck, was – zum Leidwesen Minnas – für einige »nachbarliche Verwirrung« zwischen Wagner und Mathilde Wesendonck sorgt. Seit August jenes Jahres beschäftigt sich der Komponist mit der Erzählung Tristan und Isolde, auch Wolfram von Eschenbachs mittelalterliches Epos Parzival beginnt ihn zu interessieren. Die zwanzig Jahre später komponierte Ouvertüre zum Bühnenweihfestspiel Parsifal hebt in abgedunkelter Klangfarbe unisono mit einem Dreiklangmotiv an – das Thema wird später das Heilige Abendmahl begleiten. In für ihn ungewöhnlicher Weise trennt Wagner die Abschnitte des Vorspiels durch spannungserfüllte Generalpausen. Auffällig ist auch, dass er hier orgelregisterartig komponiert, Klangbereiche voneinander absetzt – ein Prinzip, das man gemeinhin mit der Satztechnik Bruckners assoziiert!

Bayreuth II

Hoffend verbringt Bruckner die Stunden in Bayreuth bis zum Mittag. Endlich darf er zu Wagner. »2½ Stunden bin ich dann so glücklich gewesen, neben dem Meister zu sitzen, wo er die musikalischen Verhältnisse Wiens besprach, mir Bier entgegenbrachte, mich in den Garten führte und mir sein Grab!!! zeigte«, bekannte er später gegenüber Hans von Wolzogen. Wagner seinerseits ist von der d-Moll-Symphonie mehr als angetan: »Lieber Freund, mit der Dedication hat es seine Richtigkeit, Sie bereiten mir mit dem Werke ein ungemein großes Vergnügen.« Am Morgen danach – der Alkoholkonsum blieb nicht folgenlos – ist Bruckner unsicher, welche nun die »Wagner-Symphonie« sein sollte. Er schickt einen Zettel mit den Worten »Symphonie D Moll, wo die Trompete das Thema beginnt« und empfängt die Replik: »Ja! Ja! Herzlichen Gruss! Richard Wagner.« Der Widmungsträger drängt fortan auf baldiges Aufführen der Dritten und unterstützt den neuen Freund auch öffentlich. Bruckners Selbstbewusstsein tut es gut, dass Wagner erklärt: »Nur einen kenne ich, der an Beethoven heranreicht – es ist Bruckner!«

Zürich II

»Das Gärtchen war ergrünt, die Vögel sangen Hiervon erfüllt, sagte ich mir plötzlich, daß heute Karfreitag sei . Seit jenem Aufenthalt in Marienbad 1845, wo ich ›Meistersinger‹ und ›Lohengrin‹ konzipierte, hatte ich mich nie wieder mit dem Gedicht Parzival beschäftigt; jetzt trat sein idealer Gehalt in überwältigender Form an mich heran, und von den Karfreitagsgedanken konzentrierte ich schnell ein ganzes Drama.« Später räumt Wagner ein, dass dieses in seiner Autobiografie geschilderte Zürcher »Erweckungserlebnis« aus dem Jahr 1857 sich nicht an einem Karfreitag zugetragen hat; dennoch behält es als Inspirationsquelle seine Gültigkeit.

Nach langer Irrfahrt kehrt der »reine Tor« Parsifal kurz vor Ende des dritten Akts zur Gralsgesellschaft zurück. In einer Atmosphäre ausdrucksvoller Gelassenheit erblüht eine zarte Oboenmelodie über schillerndem Streicherteppich. »Wie dünkt mich doch die Aue heutʼ so schön!«, staunt Parsifal und Gurnemanz erklärt feierlich: »Das ist Karfreitagszauber, Herr!« Parsifal ist irritiert, sollte denn nicht am Karfreitag die Natur wie der Mensch »trauern, ach! und weinen«? Es folgen die Schlüsselworte des Dramas und eine Art Essenz der wagnerschen Theologie: »Ihn selbst am Kreuze kann die Natur nicht erschauen: / da blickt sie zum erlösten Menschen auf; / der fühlt sich frei von Sündenlast und Grauen, / durch Gottes Liebesopfer rein und heil: / das merkt nun Halm und Blume aus den Auen, / daß heut’ des Menschen Fuß sie nicht zertritt, / doch wohl, wie Gott mit himmlischer Geduld / sich sein’ erbarmt und für ihn litt, / der Mensch auch heut’ in frommer Huld / sie schont mit sanftem Schritt.« Die Natur wird durch den Menschen erlöst wie dieser durch das Opfer Christi. Im Zentrum jener Öko-Theologie steht das Motiv des heilbringenden Mitleids, um das herum Wagner ein Sinngeflecht aus christlicher Symbolik (Sündenfall, Gral, Speer, Abendmahl), buddhistischem Gedankengut (Erlösung im Nirwana anstelle ewigen Lebens) und schopenhauerscher Philosophie (Erlösung durch Auslöschen des Willens, speziell des (unstillbaren) erotischen Verlangens) strickt.

Wien I

Am Abend des 16. Dezember 1877 sehnt sich Bruckner nach Erlösung. Weinend hält er den Taktstock noch in der Hand, während ihn die Musiker der Wiener Philharmoniker verspotten. Das Publikum hat schon während des Konzerts den Raum verlassen. Was ist geschehen? Nachdem Bruckner seine Dritte nach dem Bayreuth-Besuch ersten Änderungen unterzogen hat, scheitert er zwei Mal bei dem Versuch, die Wiener Philharmoniker von einer Aufführung zu überzeugen: Unspielbar sei das übergroß dimensionierte Werk. Schließlich erwärmt sich der Dirigent Johann Herbeck für die Dritte und setzt ihre Uraufführung für den 3. Dezember 1877 an. Herbecks plötzlicher Tod am 28. Oktober veranlasst Bruckner, selbst zu dirigieren. Völlig unerfahren tritt er am 16. Dezember – der Termin war verschoben worden – vor ein widerwilliges Orchester. Dass die Symphonie nach einer Beethoven-Ouvertüre, einem Violinkonzert von Spohr sowie Arien Mozarts und Peter von Winters einem bereits ermüdeten Publikum zu Gehör gebracht wird, besiegelt das Schicksal dieser Uraufführung. Ein Gutes hat das Desaster allerdings: Der Verleger Theodor Rättig erklärt sich bereit, das Werk auf eigene Kosten zu drucken. Abermals macht sich Bruckner daran, die Symphonie zu überarbeiten.

Bayreuth III

Am 24. Juli 1882 erreicht Bruckner per Sonderzug Bayreuth, um der Parsifal-Premiere beizuwohnen. Die weihevolle Atmosphäre des Werkes entspricht ganz seinem Geschmack. Er wuchs mit den Klängen während Messfeiern auf, und geradezu folgerichtig bereitete die Komposition von Messen seinen Weg zur Symphonie. Während Wagner für sein Schaffen ein Festspielhaus baute, komponierte Bruckner die kathedralenartige Architekur für seine Dritte gleichsam in die Musik hinein. Große Intervalle eröffnen, kleine durchschreiten die exponierten Klangräume, die Bruckner durch extreme Kontraste blockartig voneinander absetzt. Seine Steigerungswellen verdichten sich ins Unerträgliche, um nicht selten in einer Klimax der absoluten Stille zu implodieren. Archaik und »Misterioso« prägen die sakral anmutende Faktur, in der die Blechblasinstrumente fundamentalen Anteil an der satzübergreifenden motivisch-thematischen Gestaltung haben. Im Finalsatz simuliert Bruckner durch Achtelnachschläge sogar den Nachhall eines Kirchenraums.

Wien II

1882 trifft Bruckner ein letztes Mal den bereits erkrankten Wagner. Kurz darauf stirbt der Bayreuther Meister in Venedig. An seiner statt begeistert sich jetzt der Dirigent Hermann Levi für die progressive Tonsprache Bruckners. Dieser hat mittlerweile vier weitere Symphonien komponiert. Die Siebente beschert dem 60-Jährigen 1885 unter Levis Leitung in München den entscheidenden Durchbruch. Davon profitiert auch die Dritte, die nun eine erneute Feuertaufe in Wien erleben soll, doch nicht in der Druckgestalt von 1878, sondern nochmals überarbeitet, diesmal unter Mithilfe des Bruckner-Schülers Franz Schalk. Im November 1890 erscheint die finale Fassung, die am 21. Dezember unter Hans Richter am Pult der Wiener Philharmoniker das erlösende Ende von Bruckners privatem Symphonie-Martyrium markiert: »Ich bin noch zu ergriffen von der Aufnahme des Philharmonischen Publikums, welches mich wohl zwölfmal gerufen hat, und wie!!«

Susanne Ziese

Andris Nelsons wurde 1978 in Riga als Kind einer Musikerfamilie geboren. Er begann seine Laufbahn als Trompeter im Orchester der Lettischen Nationaloper. Nach Abschluss eines Dirigierstudiums in seiner Geburtsstadt wurde er Schüler von Alexander Titov in St. Petersburg; er besuchte Meisterkurse bei Neeme Järvi und Jorma Panula, überdies wurde Mariss Jansons zu seinem wichtigsten Mentor. Von 2003 bis 2007 war Andris Nelsons Musikdirektor der Lettischen Nationaloper, in den Jahren 2006 bis 2009 auch Chefdirigent der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford. Von 2008 bis Sommer 2015 stand er an der Spitze des City of Birmingham Symphony Orchestra. Seit Beginn der Spielzeit 2014/2015 Music Director des Boston Symphony Orchestra, ist Andris Nelsons überdies designierter Leiter des Gewandhausorchesters Leipzig von der Saison 2017/2018 an. Er gastiert regelmäßig am Londoner Royal Opera House, Covent Garden, an der Metropolitan Opera New York sowie an den Staatsopern in Wien und Berlin. Bei den Bayreuther Festspielen debütierte der Künstler 2010 als Dirigent einer Neuproduktion des Lohengrin in der Regie von Hans Neuenfels, deren Aufführungen er auch in den folgenden Jahren leitete. Zu den internationalen Spitzenorchestern, an deren Pult Andris Nelsons auftritt, zählen die Wiener Philharmoniker, das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Tonhalle-Orchester Zürich und das Philharmonia Orchestra London. Mit den Berliner Philharmonikern arbeitete Andris Nelsons erstmals Mitte Oktober 2010 zusammen; zuletzt dirigierte er sie Ende Oktober 2015 in drei Konzerten, auf deren Programm das Erste Violinkonzert von Schostakowitsch (Solistin: Baiba Skride) und die Alpensinfonie von Richard Strauss standen.

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